Testbericht Iveco Daily 29 L 11

Ganz schön "stadtlich"...


Kurz und gut: der Iveco Daily in seiner kompaktesten Form.
Die knappen Aufbaumaße stehen dem Transporter gut.
„Stadtlicher LKW“ – der Iveco-Werbespruch zum Daily ist doppeldeutig. Prototyp der damit unterstellten Eigenschaften ist der kleinste Daily. Und gleichzeitig eine positive Überraschung.



Angenehmer Arbeitsplatz:
Das Raumangebot in der
Kabine ist prima, die Sitzposition
passt.





Schönheit muss leiden:
Die schicken und sportlichen
Rundinstrumente sind schlecht
abzulesen.




Markantes Heck:
Die großen Abdeckungen der
Rückleuchten rahmen das Heck
des Daily ein und strukturieren es.
Jedoch leuchtet nicht alles,
was hier rot ist.




Größer als gedacht:
7,3 m3 Laderaum sind
gar nicht mal so wenig;
hier profitiert der Daily
von seiner Breite.





Störfaktor:
Das Reserverad ist im Laderaum
untergebracht.

Der gewöhnliche Iveco Daily verfügt über ein Hochdach und einen langen Radstand, zumindest jedoch einen langen Überhang. Er hat 3,5 t Gesamtgewicht und gehört mit all diesen Eigenschaften in die Mittelgewichts-klasse unter den Transportern. Der Daily ist ein Arbeitsgerät für Profis, was man ihm in jeder Faser anmerkt. Speziell für den Einsatz in der Stadt hat sich Iveco zusätzlich die Modellinie „L“ einfallen lassen. Der Buchstabe steht für light, also leicht, und er spiegelt sich in vielen Eigenschaften des Daily wieder. Zulässiges Gesamtgewicht 3,2 t, eingeschränkte Auswahl bei Karosserievarianten und Motoren. „Leicht“ ist auch die Sicherheitsausstattung: Antiblockiersystem und Airbag kosten extra – für einen neuen Transporter ein schwerer Fauxpas.

Leicht, sogar sehr leicht, ist vor allem auch der Preis des Daily: Das Einstiegsmodell 29 L 9 V ist netto bereits ab 35.950 DM zu haben. Damit tritt der Baby-Daily auf einmal gegen Transporter wie den VW T4 an, die üblicherweise in einer anderen Liga beheimatet sind. Wer etwas auf sich hält, spendiert beim Kauf des Daily weitere 2.000 DM, lässt den schlappen Vorkammer-Saugdiesel mit 62 kW (85 PS) links liegen und setzt auf einen Turbodiesel-Direkteinspritzer mit flinken 78 kW (105 PS) und viel Mumm in den Knochen. Als Zugabe addieren sich rekordverdächtige Wartungsintervalle von 30.000 statt nur 10.000 oder gar 7.500 km. Allein damit macht sich der Mehrpreis auf Dauer fast von alleine bezahlt.

Rein optisch steht das Leichtgewicht propper da. Mit kurzem Radstand und Überhang sowie dem flachen Dach sieht der Daily knuffig aus. Die Form wirkt wie aus einem Guss, und die breiten Seitenschutzleisten mit ihren flotten Kurven über den Radläufen vermitteln sogar eine gewisse Sportlichkeit. Ein schicker Transporter steht hier, das motiviert den Fahrer. Mit haarscharf unter 2 m Breite windet sich der Daily durch die meisten Engstellen. Mit 2,26 m Höhe bleibt er zwar vor Garage und Waschanlage stehen, schmuggelt sich aber durch manche Toreinfahrt, vor denen seine größeren Geschwister stehen bleiben müssen. Und trotz 5 m Länge ist der kürzeste Daily wendig und geschmeidig wie ein echter Stadtindianer: Mit nur 11,5 m Wendekreis gehört er in dieser Disziplin zu den besten seines Fachs, scheint fast auf der Hinterhand zu drehen.

Zwangsläufig fällt der Laderaum des kleinsten Daily nicht besonders üppig aus, doch auch hier gilt es, den richtigen Maßstab zu wählen: 7,3 m3 sind gar nicht so wenig, wenn man den Daily mit einem VW T4 vergleicht, der schon seinen langen Radstand und ein Hochdach aufbieten muss, um den kleinsten Daily zu übertreffen. Und der Daily kann kontern: Ein Hochdach bringt 1,7, ein langer Überhang 1 m3 mehr Laderaum. Mit beidem zusammen wuchert das Frachtabteil auf ansehnliche 10,2 m3.
Zwei störende Elemente bleiben dabei erhalten: So liegt die Ladekante auf Grund von Hinterradantrieb und klassischer Rahmenbauwise auf einem hohen Niveau von 660 mm – ohne Trittstufe an der Seite; und am Heck geht’s nicht. Und lästig ist das stehend links im Heck montierte Reserverad. Beim Daily mit kurzem Überhang lässt es sich im Unterschied zu den anderen Modellen nicht einmal gegen Aufpreis unter dem Rahmen lagern. Die LKW-Bauweise mit Chassis hebt auch das Gewicht: Rund 1,2 t Nutzlast sind im Vergleich zu anderen Transportern dieser Preis- und Größenklasse allenfalls Mittelmaß. Doch für solche Fälle hält Iveco schließlich die stämmigeren Daily der S-Klasse mit 3,5 t in petto, auch nicht viel teurer, aber deutlich belastbarer.

In beiden Fällen ist der 2,8-l-Turbodiesel mit 78 kW (106 PS) eine ausgezeichnete Wahl, nicht nur wegen den bereits angeführten, enorm ausgedehnten Wartungsintervallen. Die Leistung passt für Kurzstrecke wie Autobahn, immerhin läuft der Daily mit der empfehlenswerten längeren der beiden Achsübersetzungen 144 km/h schnell. Auch das Drehmoment von 257 Nm bei 1.800/min kann sich sehen lassen. Der Bursche ist insgesamt so kräftig, dass er durchaus auch mal einen gewichtigen Anhänger ziehen darf. Ein echter Allrounder also, der vor keiner Aufgabe kneift. Einziges Manko ist das ausgeprägte Turboloch bei niedrigen Drehzahlen – unter etwa 1.500 Touren sollte der Fahrer den Motor nicht sacken lasen, dann geht ihm die Puste aus. Wer sich jedoch in gängigen Drehzahlbereichen zwischen etwa 1.800 und 2.800 Umdrehungen aufhält, wird mit reichlich Dampf entschädigt.
Bei dieser Fahrweise passen auch die Anschlüsse des gut abgestimmten sowie leichtgängig und präzise zu schaltenden Fünfganggetriebes. Dessen kleiner Schalthebel sitzt auf einer keinen Konsole in der klassischen Position neben dem Fahrersitz, ein akzeptabler Kompromiss zwischen dem klassischen Schaltstock und der modernen Position mit Joystick im Armaturenbrett. Auffallend: Das ZF-Getriebe verlangt beim Wechsel der Gänge eins und zwei nach sauberer Arbeit, sonst gibt’s leichte Geräusche. Überhaupt gibt es leisere Getriebe, was jedoch im Daily nicht auffällt, da sein Triebwerk andere Geräuschquellen mühelos übertönt. Im Zeitalter leiser Common-Rail-Diesel klingt dieser Klassiker unter der Haube mit mechanisch geregelter Einspritzung nicht mehr kernig, sondern einfach laut, zu laut. Moderne Diesel brauchen kein Gebrüll, das zeigen andere Daily-Motoren mit modernen Komponenten.






TECHNISCHE DATEN: IVECO DAILY 29 L 11
Maße und Gewichte
Gesamtlänge 5.077 mm
Gesamtbreite 1.996 mm
Gesamthöhe 2.260 mm
Radstand 3.000 mm
Wendekreisdurchmesser 11.500 mm
Länge Laderaum 2.600 mm
Breite Laderaum 1.800 mm
Höhe Laderaum 1.545 mm
Höhe/Breite Schiebetür 1.415/1.100 mm
Höhe/Breite Hecktür 1.430/1.540 mm
Laderaum über Fahrbahn 660 mm
Spurweite vorn/hinten 1.724/1.690 mm
Leergewicht Testwagen 2.015 kg
Nutzlast Testwagen 1.185 kg
Zulässiges Gesamtgewicht 3.200 kg
Zul. Achslast vorn/hinten 1.500/1.900 kg
Anhängelast 12 % Steigung 2.000 kg
Zul. Zuggesamtgewicht 5.200 kg

Antriebsstrang
Motor: Wassergekühlter Vierzylinder-Reihenmotor mit Abgasturbolader und Ladeluftkühlung, vorn längs eingebaut. Direkteinspritzung mit Verteiler-Einspritzpumpe. Mechanische Motorsteuerung, Oxidationskatalysator. Obenliegende Nockenwelle mit Zahnriemenantrieb. Bohrung/Hub 94,4/100 mm, Hubraum 2.798 m3, Leistung 78 kW (106 PS) bei 3.600/min, maximales Drehmoment 257 Nm bei 1.800/min. Antrieb: Fünfgang-Schaltgetriebe mit Mittelschaltung, Übersetzungen 4,94 – 0,78:1, Achsübersetzung 4,10:1 (alternativ 4,44), Antrieb auf Hinterräder.
Fahrwerk
Federung: Vorn Einzelradaufhängung mit trapezförmigen doppelten Dreieckslenkern. Querblattfeder aus Verbundwerkstoff, Teleskop-Stoßdämpfer, Stabilisator. Bremsen: Vorn und hinten Scheibenbremsen, Durchmesser 276 mm. ABS nur gegen Aufpreis. Mechanisch betätigte auf die Scheiben der Hinterräder wirkende Feststellbremse. Reifen/Räder: Reifen 215/70 R 15 C auf Rädern 6JK x 15. Lenkung: Zahnstangenlenkung mit Servounterstützung.
Wartung/Garantie
Wartung: Ölwechsel alle 30.000 km. Garantie: Ein Jahr ohne Kilometerbegrenzung, zwei Jahre auf den Antriebsstrang. Füllmengen: Motoröl mit Filter 7,0 l. Tankinhalt 70 l. Elektrik: Batterie 12 V/110 Ah. Lichtmaschine 90 A (1.260 W).
Ausstattung und Preise
Grundpreis: Daily 29 L 11 V: 38.050 DM Serienausstattung: Beifahrersitz verstellbar, Drehzahlmesser, Fahrersitz höhenverstellbar, Handschuhfach mit Deckel, Heckflügeltüren, Innenbeleuchtung mit separater Leselampe, Laderaum mit Zurrösen, Seitenschutzleisten, Trenngitter hinter Fahrer und Beifahrer, Türablage Fahrer, Türablage Beifahrer, Wärmeschutzverglasung Fahrerhaus, Zeituhr. Sonderausstattungen: Anhängevorrichtung 650 DM, ABS 1.600 DM, Außenspiegel elektrisch verstellbar und beheizt 340 DM, Beifahrer-Doppelsitz 410 DM, Radiovorbereitung 270 DM, Fahrerairbag 650 DM, Fahrtenschreiber 890 DM, Fensterheber elektrisch 560 DM, Hecktüren verglast, Schieben beheizbar 240 DM, Klimaanlage 1.300 DM, Laderaum mit Holzboden 800 DM, Laderaum-Schiebetür links 790 DM, Trennwand geschlossen 340 DM, Trennwand mit Fenster 340 DM, Zentralverriegelung 710 DM. (alle Preise ohne Mehrwertsteuer)



Klassischer Maschinenbau:
Der Turbodiesel mit 78 kW (106 PS)
kommt ohne moderne Zutaten aus.
Er arbeitet zwar nicht gerade leise,
aber sehr effizient.



Komfortabel und sicher:
Doppelte Querlenker haben alle Daily,
die L-Varianten jedoch eine
Querblattfeder statt Drehstäben.


Der klassische Maschinenbau unter der Haube beweist andererseits, dass seine Konstrukteure ihr Geschäft bestens verstehen. Voll ausgelastet tourte der Testwagen mit nur 10,6 l/100 km um die standardisierte Teststrecke, die von Stadtverkehr über deftige Steigungen bis zu einer Vollgasetappe alles enthält, was Motoren das Leben schwer machen könnte. Der Alte aber meistert derartige Schwierigkeiten mühelos, liegt im Verbrauch nicht schlechter als moderne Nachkommen, die mit vielen Ventilen, elektronischen Heinzelmännchen und neuartiger Einspritztechnik glänzen.

Dem Fahrwerk bereitet die Leistung kein Problem. Im Unterschied zu seinen gewichtigeren Geschwistern verfügt der Daily an der Vorderachse mit doppelten Querlenkern über eine Querblattfeder aus Verbundwerkstoff anstelle von Drehstabfedern. An der Hinterachse kommen Parabelfedern zum Einsatz. Mit dieser Kombination zählt der Daily beim Fahrkomfort zu den besten seiner Gewichtsklasse. Beladen tritt er komfortabel und doch nicht als Weichling auf. Auch fehlte dem Testwagen die deutliche Übersteuerneigung, die den Daily mit verlängertem Überhang kennzeichnet. Einzig die Lenkung wirkt ein wenig nervös und verlangt mitunter nach Korrekturen.

Zu den Pluspunkten des Daily gehört ebenfalls die Bremse mit Scheiben rundum. Griffig, weich ansprechend und ausgezeichnet dosierbar, vermittelt sie dem Fahrer ein gutes Gefühl. Wenn da nur nicht das fehlende ABS wäre – eine unverzichtbare Zusatzinvestition. Zumal darin gleichzeitig ein automatisches Bremsdifferenzial als Traktionshilfe und eine elektronisch geregelte Bremskraftverteilung enthalten sind, beides sympathische Zusatzeffekte.

Die äußere Dynamik des Daily setzt sich in seinem Fahrerhaus fort. Schon viel wurde über sein Armaturenbrett mit der eigenwilligen Bogenform mit Knick geschrieben. Alle Bedienungselemente liegen ausgezeichnet in Reichweite, die runden Luftdüsen in der Mitte des Armaturenbretts sind nicht nur schön, sondern auch praktisch.
Die sportliche Optik hat wirklich was, doch in der Praxis stören die mäßig ablesbaren Instrumente und das noch schlechter zu beobachtende Mäusekino unter ihnen mit Uhr, Kilometerzähler und weiteren Funktionen. Schönheit muss leiden, der Spruch bewahrheitet sich im Daily. Leiden müssen auch andere Sinne des Daily-Fahrers. Das billig wirkende Hartplastik im Fahrerhaus fasst sich unangenehm an, verursacht Geräusche und ist nachlässig verarbeitet sowie kratzempfindlich. Ausgerechnet rund um den Arbeitsplatz des Fahrers wirkt der Daily billig – ein eklatanter Widerspruch zur elegant gestalteten Armaturentafel, die beim Testwagen ein Schmuck aus nicht ganz echtem Vogelaugenahorn zierte – Geschmackssache. Darüber hinaus fehlt es in der Kabine an Ablagen, sind die Kleiderhaken unpraktisch und der knarrende Fahrersitz des Testwagens unterstrich den Eindruck mangelnder Sorgfalt.
Hätte Iveco diesem Bereich doch bloß so viel Aufmerksamkeit gewidmet, wie anderen Details – der Daily wäre ein nahezu perfekt "stadtlicher" LKW. Seine Anlagen jedenfalls sind ausgesprochen gut. Es muss eben nicht immer ein gewöhnlicher Daily sein, gerade der ungewöhnliche Daily 29 L 11 V hat seine besonderen Qualitäten und Reize.

Randolf Unruh

Messwerte
Etappe Länge Zeit ohne Stopps Verbrauch
total, l
Geschwindigkeit Verbrauch
100 km/l
Rundstrecke: Solitude 12,2 km  11:59 min   1,13 l   61,1 km/h   9,3 l
Stadtverkehr: Solitude - Stuttgart - Solitude 35,4 km  43:40 min   2,96 l   48,6 km/h   8,4 l
Überlandverkehr: Solitude - Calw - Bad Liebenzell - Solitude 52,2 km  58:53 min   5,36 l   53,2 km/h 10,3 l
Bergmessung: Bad Liebzelle - Unterhaugstett   3,6 km    3:58 min   0,80 l   54,4 km/h 22,2 l
Autobahn: BAB Solitude - Horb - Solitude 104,0 km  59:59 min 11,83 l 104,0 km/h 11,4 l
Teststrecke total 207,4 km 178:35 min 22,08 l   69,7 km/h 10,6 l