Fahrbericht Eurocargo 120 EL

Neues Modell in altem Gewand

Wahrscheinlich sah ein neues Fahrzeug wie der Eurocargo 120 EL selten so alt aus. Doch die neue Technik in diesem speziell auf 12 t Gesamtgewicht ausgelegten Verteiler-LKW hat es in sich.


Fahrerfreundlich: das tiefer aufgesetzte Fahrerhaus mit verteilergerechtem, einstufigem Einstieg

 

 



Sicherheit: neue Vorder- und Hinterachse mit druckluftbetätigten Scheibenbremsen


Aufbaufreundlich: der völlig ebene Rahmen mit Befestigungspunkten für Aufbauten



Ecas: das Niveau der luftgefederten Hinterachse wird elektronisch geregelt

 


Abgespeckt: die neue 2-Balg-Hinterachsfederung beim Eurocargo 120 EL

 

Inzwischen ist der Eurocargo seit acht Jahren auf dem Markt. Mit dieser Mittelklasse-Baureihe deckt Iveco das Segment von 6,0 t bis 18 t Gesamtgewicht ab. So fiel es auf der Premiere der neuen Eurocargo-Modellreihe 120 EL in Verona kaum auf, daß mit diesen speziellen Fahrzeugen für 12 t Gesamtgewicht eine komplett neu entwickelte Fahrwerkstechnik vorgestellt wurde.

Iveco ging es bei dem neuen Modell weniger um den äußeren Schein, sondern mehr um die inneren Werte. Dabei stand die Wertschöpfung für die Transportunternehmen im Vordergrund. Deutliche Fahrerentlastung, eine niedrige Ladekantenhöhe, mehr Nutzlast und erhöhte Wirtschaftlichkeit lauteten die Ziele der Konstrukteure, die in einer zweijährigen Entwicklungszeit das neue 12-t-Verteilerfahrzeug Eurocargo 120 EL zur Serienreife brachten.

Das ist ihnen in bemerkenswerter Weise gelungen: Als erstes wurde das Fahrerhaus tiefer auf den Rahmen gelegt und die Einstiege abgeändert. So muß der Fahrer jetzt nur noch eine Stufe mit niedrigem Antritt überwinden, um sich auf seinen Platz schwingen zu können. Die neue Vorderachse und Vorderachs-Aufhängung ist auf eine zulässige Achslast von 4,6 t ausgelegt. Das bringt Reserven bei ungleich verteilter Ladung. Neu ist auch die 8,5-t-Hinterachse nebst komplett neu entwickelter 2-Balg-Luftfederung. Vorder- und Hinterachse einschließlich Radlagerung sind wartungsfrei ausgelegt. Die neue Hinterachs-Luftfederung mit der elektronischen Niveau-Regelung Ecas bringt mehr Stabilität und eine erhebliche Gewichtseinsparung. Dazu kommt noch die integrierte Hebe- und Senkfunktion, mit der sich unterschiedliche Rampenhöhen ausgleichen, die Ladekantenhöhe zum Beladen absenken und ein Gefälle für das Entladen bilden lassen. Eine weitere Verbesserung sind die druckluftbetätigten Rundum-Scheibenbremsen für eine erhöhte aktive Sicherheit und eine nochmalige Reduzierung der Wartungskosten.

Ganz bewußt hat Iveco den Eurocargo auf eine Bereifung in den Dimensionen 265/70 R 17,5 gesetzt. Die kleinen Reifen bringen die Ladekantenhöhe weiter nach unten und lassen trotzdem die entsprechenden Achslasten zu. Gleichzeitig wurde mit der Neugestaltung des Fahrgestellrahmens die Bodenfreiheit verbessert.

Insgesamt stellt sich so der Eurocargo 120 EL als der leichteste 12tonner LKW mit der niedrigsten Rahmenhöhe seiner Klasse vor. Allerhand, was sich unter dem zwar leicht ergrauten, doch noch aktuellen Design der Eurocargo-Kabine verbirgt. Bekannt ist das Antriebsaggregat aus der Motorenbaureihe 8060.45, die bis 227 PS reicht. Ergänzt wird der Antriebsstrang durch die vollsynchronisierten Iveco-6- und -9-Ganggetriebe. Natürlich waren bei der Premiere des Eurocargo 120 EL in Verona auch einige Probefahrten mit der neuen Modellreihe angesagt. Dafür standen sechs Fahrzeuge des Typs Eurocargo ML 120 EL 21 mit einer Motorleistung von 207 PS, 6- und 9-Ganggetrieben sowie unterschiedlichen Aufbaukonzeptionen bereit, die alle auf 12 t Gesamtgewicht ausgelastet waren.

Überaus positiv fiel die tiefergelegte Kabine mit dem einstufigen Einstieg auf. Hier war nur ein kleiner Schwung nötig, um auf den Fahrersitz zu gelangen. Auf dem abgesteckten Test-Abschnitt zeigte sich, daß für den Eurocargo 120 EL mit 12 t Gesamtgewicht die Motorleistung von 207 PS eine gute Wahl ist, die hohe Transportleistungen und Fahrkomfort verbindet. Der direkteinspritzende 6-Zylinder-Reihendieselmotor mit 5,9 l Hubraum, Abgasturbolader und Ladeluftkühlung leistet die 207 PS bei 2.700/min und besitzt ein maximales Drehmoment von 670 Nm bei 1.400/min. Bei 12 t Gesamtgewicht ergibt sich ein üppiges Leistungsverhältnis von rund 17,3 PS/t und ein maximales Drehmomentniveau von 55,8 Nm/t.

Vor allem in Verbindung mit dem 9-Gang-Getriebe bewies die 207-PS-Version eine ausgezeichnete Fahrharmonie. Hier stehen dem Fahrer neben einem Kriechgang acht Fahrgänge zur Verfügung. Die Drehzahlsprünge der einzelnen Gangstufen paßten genau zur Motorcharakteristik, was eine entspannte Fahrweise ermöglicht.

Auch vom Stand weg ließ sich der Eurocargo 120 EL 21 durch Überspringen der unteren Gänge wie bei einem 6-Ganggetriebe mit wenigen Schaltungen einfach auf Touren bringen. Nicht ganz so harmonisch verlief die Fahrt mit dem 6-Gang-Getriebe. Wohl auch deshalb, weil hier unabhängig von der Getriebebestückung mit derselben Hinterachsübersetzung von 3,31:1 gefahren wurde. Hier mußte der Motor vor allem in hügeliger Topographie ziemlich hoch gedreht werden, um mit passender Drehzahl in den nächst höheren Gang wechseln zu können.

Auf der Probefahrt zeigte sich auch, daß beim Eurocargo 120 EL noch einiges an Feinarbeit zu leisten ist. Das 9-Gang-Getriebe war recht schwergängig und hakelig zu schalten. Ebenso auch die 6-Ganggetriebe, die in der Schaltbetätigung zwischen schwer und leicht schaltbar streuten. Auch wenn es sich hier um fabrikneue Fahrzeuge handelte, bei denen alles etwas straffer zugeht, sollte hier nochmals nachgearbeitet werden, um eine Serienauslieferung mit guter Schaltqualität sicherzustellen. Das gleiche gilt für die Fahrwerksabstimmung: Bei den Fahrzeugen mit stahlblatt-parabelgefederter Vorder- und Hinterachse war die Fahrstabilität durchweg zufriedenstellend.

Die Fahrzeuge mit der neuen 2-Balg-Luftfederung zeigten jedoch ziemliche Wankneigungen. Da ist nach meiner Meinung noch einiges an Abstimmungsarbeit zu leisten. Das dürfte bei den Möglichkeiten, die zum Beispiel das elektronisch geregelte Luftfedersystem Ecas bietet, auch sicher gelingen. Insgesamt hat Iveco für die neue Modellreihe Eurocargo 120 EL einen beachtlichen Aufwand betrieben – und das für ein Fahrzeug mit 12 t Gesamtgewicht, das eigentlich ein Nischenprodukt ist.

Doch nicht mehr lange, wie die Marketing-Strategen von Iveco erklärten. Aufgrund der Führerscheinregelung, der Autobahngebühren, der Geschwindigkeitsbegrenzungen und der Besteuerung in der EU werden sich die Anteile in der Mittelklasse verschieben. Vor allem die bislang dominierende 7,5-t-Gesamtgewichtsklasse wird in Zukunft an Bedeutung verlieren. Teilweise wird hier auf Fahrzeuge mit 3,5 t Gesamtgewicht umgestiegen.

Die größte Verschiebung wird jedoch zugunsten der Gesamtgewichtsklasse von 12 t stattfinden. Der Sprung von 7,5 t auf 12 t bedeutet eine Kostenzunahme von etwa 26 Prozent. Dafür erhöht sich jedoch die mögliche Zuladung um rund 110 Prozent, was zu einer Steigerung der Produktivität von 46 Prozent führen kann. Dazu kommen noch die Autobahngebühren, die in Deutschland, Dänemark und den Benelux-Ländern für Fahrzeuge ab 12 t Gesamtgewicht erhoben werden.

Auch die Geschwindigkeitsbegrenzungen in den einzelnen Ländern spielen eine wichtige Rolle: So dürfen Solofahrzeuge mit 12 t Gesamtgewicht zum Beispiel in Frankreich 110 km/h und in Italien 100 km/h schnell fahren. Im Jahre 1998 wurden in der EU insgesamt rund 85.000 Mittelklasse-Fahrzeuge zwischen 6,0 t und 12,0 t neu zugelassen. Der Anteil der Fahrzeuge zwischen 10 t und 12 t Gesamtgewicht lag hier bei rund 18 Prozent. Vor allem in Deutschland haben die Zulassungszahlen in diesem Marktsegment außerordentlich zugelegt.

Dazu kommt noch, daß sich der Verteilerverkehr in einem Wandel befindet. Hier ist eine deutliche Zunahme der Haus-zu-Haus-Belieferung festzustellen. Das erfordert besonders beim Einsatz in Städten speziell auf den Verteilerverkehr abgestimmte Fahrzeuge mit einer günstigen Einstiegsituation und einer niedrigen Ladekantenhöhe sowie auch mehr Laderaumvolumen und höhere Nutzlastkapazitäten. Mit der neuen Modellreihe Eurocargo 120 EL hat sich Iveco gut auf die Veränderungen in der Mittelklasse vorbereitet. Doch das war nur der erste Schritt, der einen Strukturwandel in der Eurocargo-Baureihe nachfolgen läßt. In absehbarer Zeit wird Iveco zunächst eine neue Euro-3-Motorisierung für den Eurocargo präsentieren. Das soll Mitte nächsten Jahres erfolgen, und danach wird dann auch bald ein neues Kabinen-Design vorgestellt.

Adelbert Schwarz