Fahrbericht: Iveco Eurotrakker

 

Terrain-Eroberer

In der Vergangenheit mußte Iveco Magirus auf dem deutschen Baufahrzeugmarkt Federn lassen. Mit der komplettierten Eurotrakker-Baureihe startet jetzt eine neue Offensive. Beeindruckend war vor allem die Vorstellung des neuen Eurotrakker 8x8x4 als Terraineroberer.

 

Das waren noch Zeiten, als Iveco Magirus auf dem deutschen Baufahrzeugmarkt einen Marktanteil von 15 Prozent bei den schweren Baufahrzeugen über 16 t Gesamtgewicht besaß. Bis 1996 ist der Anteil auf die 6,5-Prozentmarke abgerutscht. Hinzu kommt, daß der gesamte Markt für Baufahrzeuge ab 16 t in Deutschland seit 1994 auf Talfahrt ist ­ mit Gefällstrecken von 15,8 Prozent und 19,6 Prozent in den Jahren 1995 und 1996. Und für dieses Jahr ist ein weiteres Einschrumpfen des Marktes um rund 18 Prozent auf 5.250 Einheiten zu erwarten.

Doch bei Iveco Magirus geht?s langsam aufwärts: Im ersten Quartal diesen Jahres stieg der Marktanteil gegenüber dem Vorjahr um 2,1 Prozent auf 8,6 Prozent an. Das läßt hoffen. Der Grund, warum Iveco Magirus im Baustellenbereich an Terrain verloren hat, liegt in der recht spät eingeführten Baustellen-Baureihe Eurotrakker im Jahr 1994, wie Vertriebs- und Marketing-Vorstand der Iveco Magirus AG, Michael Jan Pistecky, feststellt.

Nachteilig erwies sich auch die anfangs lückenhafte Eurotrakker-Familie. Ein verständlicher Umstand, denn Iveco hatte in den letzten zwei Jahren zuvor die gesamte Nutzfahrzeugpalette ab 6 t Gesamtgewicht erneuert. Nochmals zur Erinnerung: 1991 kam die Eurocargo-Baureihe auf den Markt, 1992 folgte der Eurotech, 1994 der Eurostar und der Eurotrakker.
Doch die angesprochene Angebotslücke ist zu relativieren. Immerhin hatte die Eurotrakker-Baureihe schon bei der Erstvorstellung 300 Kombinationsmöglichkeiten, 110 Sonderausstattungswünsche und 12 Federungsvarianten zu bieten. Die Bandbreite reichte vom Zweiachs-Kipper 4x2 bis zum Vierachser 8x4 und den Sattelzugmaschinen in 4x2- und 6x4-Ausführungen sowie unterschiedlichen Radständen und Rahmenlängen. Die Allradtypen waren in den Achskonfigurationen 4x4 und 6x6 vertreten.

Der neue Vierachs-Allrad-Kipper kommt auch in schwierigstem Gelände zurecht.

Zusammen mit dem Verteiler- und Fernverkehrsprogramm und den Kipperfahrgestellen aus der Daily-Baureihe (auch als Allradversion), Eurocargo und Eurotech ließen sich Gesamtgewichtsklassen von 4,5 bis 32 t bei den Solofahrzeugen und Gesamtzuggewichte bis 40 t abdecken; sogar Sologewichte von 40 t und Gesamtzuggewichte bis 85 t waren technisch möglich. Das Leistungsspektrum reichte einschließlich der Eurostar-Baureihe von 75 bis 514 PS. Was fehlte, waren vor allem Spezialitäten als Türöffner, um den Eurotrakker besser in Fuhrparks plazieren zu können.

Jetzt kommen fünf neue Mitglieder in die Eurotrakker-Familie:
- der Eurocargo 170 E 27 K 4x2,
- der Allrad-Eurotrakker MP 180 E 25 W 4x4,
- die Allrad-Eurotrakker-Sattelzugmaschinen MP 400 E 37/42 WT 4x4 und
- MP 720 E 37/42 WT 6x6
- sowie als Krönung der Vierachs-Eurotrakker MP 410 E 42 W 8x8x4.

Bei den ersten Geländefahrten mit den neuen Kandidaten für die Eurotrakker-Familie beindruckte neben der traktionsgewaltigen Allrad-Sattelzugmaschine MP 720 E 42 WT 6x6 vor allem der Vierachs-Allradkipper. Schon enorm, wie sich der Eurotrakker MP 410 E 42 W 8x8x4 durch das Gelände einer Kiesgrube wühlte. Das auf 40 t ausgelastete Schwergewicht überwand aufgeweichte Schlammpfade, knietiefe Wasserbiotope, Steilhänge und frisch aufgeschüttete Muldenübergänge ohne Probleme. Bei dieser Geländegängigkeit werden praktisch schon militärische Anforderungen erfüllt.

Beindruckend waren auch das Durchzugsvermögen und die Leistung des 420 PS starken Dieselaggregates. Dazu kamen ein niedriges Geräuschniveau und ein hohes Maß an Bequemlichkeit in der Kabine sowie eine komfortable Geländegangart. Der wendige Eurotrakker 8x8x4 ist ein Gefährt, das sich dazu eignet, den Teufel aus der Hölle zu holen. Nur eines darf man nicht ­ ihn auf die Seite legen. Das ist mir zum Glück nicht passiert, aber doch jemanden, der auf einer Hohlwegaufschüttung mit Steilanstieg nicht genau die Mitte traf.
Ein ziemlich dicker Baumstamm verhinderte dabei glücklicherweise eine volle Seitenlage und rettete den rechten Außenspiegel vor Glasbruch.

Hier zeigte sich, wie hart der Eurotrakker im Nehmen ist. Nachdem die Last vorsichtig abgekippt wurde, schob sich der zweite 8x8x4 rückwärts an die Front des Havaristen. Ein dickes Stahlseil stellte die Verbindung zu beiden Fahrzeugen her. Und dann wurde mit vereinten Kräften der gestrandete Vierachser aus seiner mißlichen Lage befreit. Außer ein paar Kratzern war kein großer Schaden festzustellen, und bald drehte der Unglücksrabe vollbeladen wieder seine Runden.
Insgesamt interessante Spezialitäten, die Iveco jetzt in das Baustellenprogramm aufgenommen hat. Sie bilden auch die Grundlage einer Offensive, die Pistecky jetzt eröffnet hat, und mit der er noch in diesem Jahr auf dem deutschen Baufahrzeugmarkt einen Marktanteil zwischen 11 und 12 Prozent erreichen will. Zu seiner Strategie gehören noch der Umbau des Vertriebs zu mehr Kundennähe und der Service-Ausbau mit der Einrichtung von zertifizierten Premium-Werkstätten sowie ein Ersatzteil-Schnellversorgungs-Konzept. Zum Schluß packte Pistecky noch ein besonderes Bonbon aus: Für alle schweren Fahrzeuge steht eine Neufahrzeug-Finanzierung mit einem effektiven Jahreszins von 2,9 Prozent zur Verfügung.

Adelbert Schwarz