Fahrbericht Actros Bauprogramm

Für höchste Ansprüche: Daimler-Benz stellte in einem Steinbruch bei Marseille die neue Actros-Bauspezies vor.

Lastenausgleich: Der neuentwickelte Achsausgleich sorgt an den Vorderachsen der 4-Achsfahrzeuge für eine gleichmäßige Achslastverteilung.

Die Wörther Bauspezies
In einem Steinbruch bei Marseille feierte Daimler-Benz die Weltpremiere der neuen Actros-Baufahrzeuge: ein überzeugendes Konzept mit technischen Neuerungen, das mehr Komfort und erhöhte
Wirtschaftlichkeit bietet.
 

Eigentlich hätte ich für die Bauspezies von Daimler-Benz einen weiteren kunstvollen Eigennamen erwartet. Offensichtlich haben die Stuttgarter darauf verzichtet, um den gemeinsamen Stammbaum der Wörther "Actros"-Familie zu verdeutlichen. Das ist sinnvoll, denn je nach Einsatzverhältnissen sind auch die Fahrzeuge aus dem Straßenprogramm durchaus für die Baubranche geeignet. Der Bau-Nachwuchs aus Wörth ist vor allem auf schwierigste Einsatzverhältnisse - nicht nur im Baugewerbe - spezialisiert.

Zur bemerkenwerten Leistungsfähigkeit der neuen Bau-Fahrzeug-Generation paßte die Kulisse eines der größten europäischen Steinbrüche bei Marseille. Die großzügigen Platzverhältnisse ermöglichten das Präparieren sowohl eines einfachen Rundkurses als auch von Extremstrecken.

Die extremen Schwierigkeitsgrade wie 60-Prozent-Steilhang, 45-Prozent-Steigung mit Sandbett oder ein Waldpfad sind nicht gerade die Alltagspraxis, doch sie verdeutlichen die Leistungsfähigkeit der Fahrzeuge. Bei diesen Pisten für allradgetriebene Fahrzeuge war der 8x8-Vierachs-Kipper der King. Dieses Fahrzeug besitzt eine Offroad-Gängigkeit, die praktisch militärische Ansprüche befriedigt. Das zeigte sich vor allem auf dem 45prozentigen Anstieg mit aufgeschüttetem Sandbett. Hier gab es weder für die voll ausgelasteten 8x4- noch für die 8x6-Kipper ein Durchkommen. Nur das vollgepackte 8x8-Allradfahrzeug besaß die nötige Traktion, um das Sandbett zu überwinden.

Überaus beeindruckend war die Kletterpartie der Allradfahrzeuge 4x4, 6x6 und 8x8 auf dem 60prozentigen Steilhang mit festgefahrener Schotterdecke. Das bedeutete für den Fahrer bergauf den Blick in den Himmel und bergab die Sicht in eine höllische Tiefe. Dagegen war die Fahrt auf dem Waldpfad trotz der hohen Anforderungen an die Geländegängigkeit geradezu eine Erholung.

Erstaunlich auch, was der Bau-Actros in puncto Komfort zu bieten hat. Schon bei der Erstvorstellung der schweren Straßen-LKW-Baureihe Actros im August 1997 wurde positiv vermerkt, daß Daimler-Benz diesmal sehr viel für den Fahrer getan hatte. Das wurde in auffälliger Weise bei der Neuentwicklung der Baufahrzeuge fortgesetzt.

So stammen die Kabinen aus dem Straßenfahrzeugprogramm, was auch vom Außen-Design und vom Interieur her einwandfrei erkennbar ist. Sie wurden jedoch für den Bau-Einsatz modifiziert. Darunter ist keineswegs eine abgespeckte Version zu verstehen, sondern die Stuttgarter haben dabei die einsatzbedingte hohe Beanspruchung berücksichtigt.

So steht die volle Sonderausstattungspalette für die drei Fahrerhausausführungen, kurz "S", mittellang "M" und lang "L"; zur Verfügung. Das Standard-"S"-Fahrerhaus bietet übrigens im Vergleich zu den Vorgängermodellen ein um 35 Prozent vergrößertes Kabinenvolumen.

Dazu kommen spezielle Ausstattungsdetails wie eine Konsole mit Helmablage, Handschuhablage und Jackenfach in der Kabine und Sonderausstattungen wie Auftritte und Haltergriffe an der Fahrerhausrückwand. Bei eingebauter Klimaanlage gibt es noch ein geschicktes Zusatzteil in Form einer Box für das Armaturenbrett. Damit lassen sich Pausenbrote und Getränke kühl halten.

Bei den Grubenfahrten mit den unterschiedlichen Actros-Bautypen fielen ein ausgesprochen guter Federungskomfort und eine niedrige Geräuschkulisse in der Kabine auf. Die Parabel-Blattfederung ebnet bei hoher Fahrstabilität Schlaglöcher und Stöße von Bodenschwellen sehr gut ein.

Hier zeigte sich der Vierachser mit einem neuartigen Achsausgleich für die beiden Vorderachsen als komfortabelstes Fahrzeug. Der Achsaugleich sorgt für eine fast gleiche Lastverteilung auf beiden gelenkten Achsen bei Höhenunterschieden bis zu 100 mm. Dadurch werden der Fahrkomfort erhöht und schädliche Belastungsspitzen am Fahrgestell vermieden.

Beeindruckend war auch das Durchzugsvermögen der Motoren in den unteren Drehzahlbereichen. Ganz gleich, welche Motorisierung - von 313 PS bis 571 PS - gewählt wurde, bei allen Motoren liegen die Nennleistung bei 1.800/min und das maximale Drehmoment bei 1.080/min an. Da kann der Fahrer auch in schwierigen Situationen gelassen bleiben und sich wirtschaftlich in unteren Drehzahlbereichen im Gelände bewegen.

Und wer auf einer Steigung stehenbleibt, der hat keine Probleme mit der Weiterfahrt. Der Fahrer braucht nur den Anfahrgang einzulegen, die Handbremse zu lösen und die Kupplung kommen zu lassen. Die elektronische Motorsteuerung regelt das Anfahren von selbst. Erst wenn der Actros wieder angerollt ist, sollte der Fahrer mit dem Fahrpedal beschleunigen. Das funktionierte selbst auf 45prozentigen Steigungen.

Für die Dosierung der Zugkraft stehen beim Actros-Bauprogramm gleich drei Schaltsysteme (manuelle Doppel-H-Schaltung, Telligent-Schaltung und Telligent-Schaltautomatik) zur Verfügung. Serienmäßig kommt die manuelle Doppel-H-Knüppelschaltung, jedoch mit hydraulischer Übertragung der Schaltbewegungen, zum Einsatz. Auf Wunsch steht - ohne Aufpreis - die halbautomatische Telligent-Schaltung zur Wahl.

Die Entscheidung zwischen den beiden Systemen dürfte nicht leicht fallen. Die Hydraulikschaltung ist von einer sehr guten Leichtgängigkeit, kurzen Schaltwegen und exakter Gassenführung gekennzeichnet. Nach einer Vergleichsfahrt ist für mich die Telligent-Schaltung der Favorit. Vor allem in Steigungen zeigte sich beim Rauf- und Runterschalten die halbautomatisierte Schaltung deutlich schneller und einfacher im Handling, denn mit dem Betätigen der Kupplung wird automatisch der vorgewählte Gang geschaltet. Und was ich zunächst nicht vermutet hatte: Auch das Freischaukeln im Gelände gelingt mit der halbautomatisierten Schaltung einfacher und schneller.

Übrigens entspricht die Telligent-Schaltung der serienmäßigen Version, die in den Actros-Straßenfahrzeugen eingebaut ist. Für den schwierigen Baustellen- und Geländeeinsatz wurde sie jedoch mit einem zusätzlichen Geländeschaltprogramm modifiziert. Mit dem Einschalten der ersten Sperre greift der Schaltcomputer automatisch auf das Zusatzprogramm zurück, solange in den ersten vier Hauptgängen gefahren wird. Es ermöglicht zum Beispiel kontrollierte Schnellschaltungen, die selbst mit dem Durchreißen der Gänge bei manuellen Schaltsystemen praktisch nicht erreichbar sind.

Eine weitere Steigerung, aber auch einen Aufpreis, bedeutet die Telligent-Schaltautomatik mit automatisierter Kupplung. Die vollautomatisierte Schaltung vereint die Komfort-Vorteile einer Automatik mit der Wirtschaftlichkeit eines Schaltgetriebes. Dazu kommen noch ein minimierter Kupplungsverschleiß und vom Fahrer weitgehend unabhängige Verbrauchswerte auf einem sparsamen Niveau.

Bei der Fahrt mit einem Actros-Gliederzug für den Baustofftransport zeigte sich, daß der Schaltcomputer mit den eingelegten Gangstufen sowohl bei der Grubenausfahrt als auch auf der anspruchsvollen Überlandtour meist richtig lag und den Fahrer deutlich entlastete.

Auffällig gut ist beim neuen Actros-Bauprogramm die Kombination von Komfort und Wirtschaftlichkeit gelungen. In dieser Beziehung ist vor allem der gemeinsame Großserienbaukasten der schweren LKW-Baureihe Actros mit etwa 10.000 Einzelposten von Bedeutung. Die eigenständige Neuentwicklung der Fahrzeuge für schwierigste Einsatzverhältnisse ließ sich mit nur rund 2.000 zusätzlichen Teilen realisieren.

So entstand eine technische Plattform mit unzähligen Kombinationsmöglichkeiten an Kippern, Allradkippern, Betonmischern, Sattelzugmaschinen und Sonderfahrzeugen für die Bau-, Baustoff-, Entsorgungs- und Forstwirtschaft, für Einsätze im Kommunalbereich, im schweren Zuliefer- und Verteilerverkehr sowie im Schwerlasteinsatz. Insgesamt eine umfangreiche Fahrzeugpalette für Sologesamtgewichte von 18 bis 41 t und Zuggesamtgewichte bis 120 t.

Für eine einsatzspezifische Auslegung stehen an Achskonfigurationen bei den Zweiachsern 4x2 und 4x4, bei den Dreiachsern 6x2, 6x2/4, 6x4 und 6x6 sowie bei den Vierachsern 8x4, 8x6 und 8x8 zur Wahl. Dazu kommen sieben unterschiedliche Radstände zwischen 3.300 und 5.100 mm.

Auffällig gut ist beim neuen Actros-Bauprogramm die Kombination von Komfort und Wirtschaftlichkeit gelungen.
Der Allrounder: Der 3-Achs-Allradkipper
6x6 läßt sich Solo als Offroad-Fahrzeug oder im Hängerbetrieb als traktionsstarkes Zugfahrzeug einsetzen.
Mit Scheibenbremsen: Fahrzeuge für den überwiegenden Straßeneinsatz, wie Betonmischer-Fahrgestelle, besitzen Rundum-Scheibenbremsen, auf Wunsch mit EBS.

45prozentige Steigung und aufgeschüttetes Sandbett: Diese Extrembedingung war für den 8x8 (links) kein Problem - im Gegensatz zum 8x6 (Mitte) und 8x4, die in dieser Reihenfolge auf der Strecke blieben.

Auch bei der Motorisierung dürften bei den vom Straßenprogramm übernommenen Antriebsaggregaten kaum Wünsche offenbleiben. Hier kommen die durchzugsstarken Dieselmotoren der Baureihe 500 mit Abgasturbolader und Ladeluftkühlung zum Einsatz. Da ist zunächst der V6-Diesel OM 501 LA mit 12 l Hubraum. Diesen Motor gibt es mit folgenden Leistungsversionen und maximalen Drehmomentwerten:
- 313 PS und 1.530 Nm,
- 354 PS und 1.730 Nm,
- 394 PS und 1.850 Nm sowie
- 428 PS und 2.000 Nm.

Falls das nicht reichen sollte, steht noch das V8-Aggregat OM 502 LA mit 16 l Hubraum zur Verfügung. Dieses Aggregat deckt mit den Leistungs- und Drehmomentklassen
- 476 PS und 2.300 Nm,
- 530 PS und 2.400 Nm sowie
- 571 PS und 2.700 Nm den Spitzenbereich ab.

Die V6- und V8-Motoren aus der 500er Baureihe erreichen ihre Nennleistung bei jeweils 1.800/min und ihr maximales Drehmoment bei jeweils 1.080/min. Weitere Gemeinsamkeiten sind die langhubige Charakteristik sowie pro Zylinder: Vierventiltechnik, EDC-geregelte Hochdruck-Direkteinspritzung über Steckpumpe-Leitung-Düse-System und ein Hubvolumen von zwei Litern. Entsprechend den Motorleistungen stehen hydropneumatisch betätigte Ein- und Zweischeiben-Trockenkupplungen und drei vollsynchronisierte Schaltgetriebe-Typen (G 210, G 240 und G 260) zur Verfügung. Für Extremverhältnisse ist noch eine Wandler-Schalt-Kupplung im Programm.

Die konsequente Weiterführung des Baukastensystems ist auch beim Fahrgestell wiederzufinden. Die Vorderachsen besitzen Tragfähigkeiten von 7,1 bis 9,0 t, und bei den Hinterachsen sind Achslasten von 11,5, 13,0 und 16,0 t möglich. Alle Antriebsachsen sind grundsätzlich als doppelt untersetzte Außenplanetenachsen ausgeführt. Dazu kommt ein modulares Rahmenkonzept mit einer durchgehenden Standardisierung für die Aufbauhersteller. Auch komplette Kipperfahrzeuge mit Meiller-Aufbauten sind ab Werk Wörth zu haben.

Besonders streng wurden die Federungssysteme in das Baukastensystem integriert. So kommen anstelle der Trapezfedern grundsätzlich nur noch Stahlblatt-Parabelfedern zum Einsatz. Für das Tandem-Hinterachsaggregat bei den 3- und 4-Achsern wurde ein neues, einteiliges Mittellager entwickelt. Dazu gibt es erstmals eine Luftfederung mit elektronisch geregelter Telligent-Niveauregelung an der Hinterachse für schwere Baufahrzeuge - auch für die Achskonfiguration 6x4.

Insgesamt konnten die Anzahl der Bauteile und das Gewicht deutlich reduziert werden. Darüber hinaus ist das gesamte Federungssystem wartungsfrei. Neu sind auch die Stabilisatoren, die sich jetzt an der Hinterachse innerhalb des Reifenumfangs befinden. Da gibt es beim Einsatz am Straßenfertiger keine Probleme mehr .

Das Sicherheitskonzept bei den Bremsanlagen wurde vom Straßenprogramm auf die Baufahrzeuge übertragen. Die Druckluftbetriebsbremse arbeitet mit einem erhöhten Arbeitsdruck von 10 bar. Fahrzeuge für den überwiegenden Straßeneinsatz werden serienmäßig mit Rundum-Scheibenbremsen ausgestattet. Bei den 2- und 3-Achskippern kommt die Kombination mit Scheibenbremsen vorn und Trommelbremsen hinten zum Einsatz. Bei Allradfahrzeugen und Vierachskippern gibt es Rundum-Trommelbremsen. Auf Wunsch lassen sich die Fahrzeuge, außer den Allradtypen, mit dem elektronisch geregelten Bremssystem (EBS) - oder Telligent-Bremssystem, wie es bei Daimler-Benz heißt - ausstatten.

Ein besonderer Clou ist das Telligent-Wartungssystem. Es arbeitet fahrzeugautark und erfragt ständig über ein CAN-Datenbussystem die Betriebs-Flüssigkeitsstände sowie Zustände und Temperaturen der wichtigsten Aggregate. Unregelmäßigkeiten werden mit Gefahrenstatus gemeldet. Darüber hinaus errechnet der Computer aus den Daten, wann die nächsten Service-Arbeiten fällig sind - ein zukunftsweisender Schritt von der vorbeugenden Wartung zum verschleißgerechten Service. Das kann bedeuten, daß der Actros nur noch einmal pro Jahr in die Werkstatt muß.

Hier wird deutlich, daß Daimler-Benz die Innovationen bei den Actros-Straßenfahrzeugen voll auf die Baufahrzeuge übertragen hat. Anfangs wurde der geballte serienmäßige Einsatz der Elektronik wie elektronisch geregeltes Telligent-Bremssystem, halbautomatisierte Telligent-Schaltung und das Telligent-Wartungssystem sowie die Rundum-Scheibenbremse kritisch beäugt, doch inzwischen befindet sich Daimler-Benz mit dem Actros-Straßenprogramm auf einen beachtlichen Erfolgskurs.

So ließen sich die Marktanteile bei den schweren Sattelzugmaschinen in Westeuropa um rund vier Prozent auf 19,7 Prozent steigern. In Deutschland wurde sogar eine Steigerung um fünf Prozent auf einen Marktanteil von rund 39,7 Prozent erreicht; eine erfreuliche Entwicklung für die Wörther Produktion, wo dieses Jahr insgesamt 70.000 LKW, davon etwa 28.000 Actros-Fahrzeuge, vom Band rollen sollen.

Nicht geringer sind die Erwartungen an die neuen Baufahrzeuge der Actros-Familie. In Deutschland schätzt Daimler-Benz den Gesamtmarkt für Bau- und Sonderfahrzeuge ab 16 t Gesamtgewicht auf etwa 5.500 Einheiten. Die Stuttgarter haben sich hier einen Marktanteil von rund 54 Prozent zum Ziel gesetzt. In Westeuropa erwarten sie bei einem Gesamtmarkt von circa 24.000 Einheiten einen Marktanteil von gut 26,5 Prozent.

Recht anspruchsvolle Ziele, die Daimler-Benz ins Visier genommen hat. Immerhin haben die Stuttgarter eine ebenso anspruchsvolle Systemlösung für den Bau- und Sonderfahrzeugbereich auf die Beine gestellt - was sich auch im Steinbruch bei Marseille zeigte. Das letzte Wort hat natürlich der Kunde, und da kommt es auf die Nachfrage nach der Markteinführung am 19. September 1997 an.

Adelbert Schwarz

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Praktische Details: die Helmablage im Dachbereich, ein großzügiges Ablagefach neben dem Fahrer und eine raffinierte Arbeitskonsole