Fahrbericht Actros 1853 und 1843

Wettkampf unter Brüdern: Der 428 PS starke Actros 1843 (links)
und der mit 530 PS Motorpower ausgestattete Actros 1853
König oder Edelmann
Der Actros 1853 aus der Königsklasse und der Actros 1843 als Edelmann gingen beim Vergleichstest an den Start, um die Frage zu klären: "Wieviel Actros soll es sein?"


Erstklassig: die ergonomische Sitzposition und das elegante wie übersichtliche Fahrerplatzdesign


Modellpflege: Bezugsstoffe mit glatterer Oberfläche und dunkleren Farbtönen fürs Interieur sowie zusätzliche Ablägefächer über den Einstiegstüren

 

 

 

 

 

 

 

 



Leistungsstark: Der Actros 1853 sorgte mit seiner Power für Tempo und kam mit einem erstaunlich geringen Mehrverbrauch aus.


Wirtschaftlich: Der Actros 1843 zeigte sich als ein ideal motorisiertes Fahrzeug für den internationalen Fernverkehr.

 


TESTERGEBNIS Actros 1853; Actros 1843

Autobahn
gefahrene km 377,0 km
Durchschnittsverbrauch 32,9 l/100 km
30,4l/100 km
Durchschnittsgeschwindigkeit 79,2 km/h
77,6 km/h
davon: einfache Strecke A 4
gefahrene km 34,2 km
Durchschnittsverbrauch 21,6 l/100 km
21,1 l/100 km
Durchschnittsgeschwindigkeit 82,6 km/h
82,5 km/h
Mischstrecke '
gefahrene km 70,4 km
Durchschnittsverbrauch 37,6 l/100 km
36,2 l/ 100 km
Durchschnittsgeschwindigkeit 65,3 km/h
63,3 km/h
davon Bergwertung  
Steigung 8 Prozent, Länge 3,1 km
Durchschnittsverbrauch 143,5 l/100 km
141,9 l/100 km
Durchschnittsgeschwindigkeit 49,6 km/h
45,9 km/h
TESTVERBRAUCH GESAMT
gefahrene km 447,4 km
Durchschnittsverbrauch 33,7 l/100 km
31,3l/100 km
Durchschnittsgeschwindigkeit 76,6 km/h
74,9 km/h
Wetter
bewölkt; windig; teilweise Fahrbahnnässe; +4 bis +9° C

Diesmal traten gleich zwei schwere Jungs aus Wörth - der 530 PS starke Actros 1853 LS 4x2 und der 428 PS starke Actros 1843 LS 4x2 - zum Vergleichstest auf unserer Fernverkehrsstrecke an. Sie standen sich in identischer Aufmachung, jedoch mit unterschiedlich starken Herzen gegenüber. Dabei ging es in erster Linie darum, wie groß der Sprung zwischen der Klasse der Edelmänner mit Leistungen ab 400 PS und der Königsklasse mit über 500 PS eigentlich ist. Und wieviel Futter die rund 100 Pferdestärken brauchen, die den Unterschied ausmachen. Dazu erst einmal ein Blick auf die Antriebsstränge der beiden Fahrzeuge: An erster Stelle stehen hier natürlich die beiden Triebwerke, die aus der Motorenbaureihe 500 stammen. So verfügt sowohl der V8-Motor OM 502 LA im Actros 1853 als auch der V6-Motor OM 501 LA im Actros 1843 über identische High-tech-Merkmale: vollelektronisch ge- steuertes Pumpe-Leitung-Düse-System und Vier-Ventil-Technik pro Zylinder. Beide Motoren besitzen auch ein identisches Hubvolumen von 2,0 l pro Zylinder, woraus sich für den Achtzylinder-Motor ein Hubraum von 16 l und für den Sechszylinder-Motor ein Hubraum von 12 l ergibt. Der 16-l-V8 leistet satte 530 PS und verfügt über ein bulliges maximales Drehmoment von 2.400 Nm. Damit ist noch nicht das stärkste Zugpferd aus Wörth angetreten, denn den Motor OM 502 LA gibt es noch in einer 570-PS-Version mit einem schon gewaltigen maximalen Drehmoment von 2.700 Nm. Doch auch die 530 PS und 2.400 Nm sind eine ganze Menge Holz vor der Hütte. Der 12-l-V6 tritt dagegen in seiner stärksten Version an und bringt eine Leistung von 428 PS und ein maximales Drehmoment von 2.000 Nm ins Spiel. Die Motoren der Baureihe 500 geben jeweils die Nennleistung bei 1.800/min und das maximale Drehmoment bei 1.080/min ab. Entsprechend dieser Werte wurde auch die weitere Bestückung des Antriebsstrangs gewählt. Beim Actros 1853 kam das Daimler-Chrysler-Getriebe G 240 zum Einbau. Das Schnellgang-Getriebe stellt mit Splitgruppe 16 vollsynchronisierte Getriebestufen in einem Übersetzungsverhältnis von 11,72:1 bis 0,687:1 zur Verfügung. Am Ende kommt die doppelt übersetzte Antriebs-Hinterachse mit Außenplanetengetriebe HL 7 mit einer Gesamtübersetzung von 4,143:1. Daraus ergibt sich eine Gesamtauslegung des Antriebsstrangs in der höchsten Getriebestufe auf eine rechnerische Endgeschwindigkeit von 136 km/h bei Nenndrehzahl. Das macht bei Autobahntempo 80 km/h eine Motordrehzahl von 1.058/min aus. Der Antriebsstrang des Actros 1843 war mit dem 16-Gang-Getriebe G211 bestückt, das eine Spreizung von 17,03:1 bis 1:1 besitzt. Dazu kam dann noch die einfach übersetzte Hinterachse HL 8 mit einer Übersetzung von 2,929:1 für eine rechnerische Höchstgeschwindigkeit von 121 km/h bei Nenndrehzahl oder 80 km/h bei 1.190/min in der höchsten Getriebestufe, die als Direktgang ausgelegt ist. Erst seit Mitte des Vorjahres setzt Daimler-Chrysler die einfach übersetzte Hinterachse HL 8 mit hypoidverzahntem Achs- einsatz bei Straßenfahrzeugen ein und stellt das Direktganggetriebe G211 zur Verfügung. Mit diesen Aggregaten, die den Wirkungsgrad und damit auch die Wirtschaftlichkeit des Antriebsstrangs steigern sollen, war der Actros 1843 ausgestattet. In der Bremsentechnik hat der Actros mit dem elektronisch geregelten Bremssystem (EBS) und Rundum-Scheibenbremsen eine Besonderheit zu bieten. Dem serienmäßigen Einsatz in der Actros-Baureihe ist es eigentlich zu verdanken, daß dieser High-tech-Bremsanlage der Durchbruch bei den schweren Nutzfahrzeugen gelang. Das EBS steht für kürzere Ansprechzeiten, gleichzeitiges Ansprechen aller Radbremsen und eine verbesserte Lastzugabstimmung. Zusammen bieten EBS und Scheibenbremsen Vorteile wie erheblich verkürzte Bremswege, eine hohe Fahrzeug- und Zugstabilität beim Verzögern und eine Feindosierung mit PKW-artigem Pedalgefühl sowie Bremsbelag-Verschleißausgleich und höchstmögliche Fading-Sicherheit. Ideal ist es natürlich, wenn auch die gezogene Einheit - wie beim Test - über diese High-tech-Kombination verfügt. Es war schon ein imposanter Anblick, als die zwei schweren Jungs aus Wörth nebeneinander Aufstellung nahmen. Doch gestartet wurde in einem Abstand von einigen Minuten, um sich nachher nicht gegenseitig zu behindern. Klar, daß das stärkste Fahrzeug die Spitze übernahm. Nach dem Wendepunkt wurden dann die Fahrzeuge gewechselt, so daß hier und auch auf der separaten Handlingstrecke reichlich Fahreindrücke über beide Fahrzeuge gesammelt werden konnten. In Bezug auf Fahrstabilität, Fahrkomfort und Lenkverhalten waren beide Fahrzeuge praktisch identisch. Die Fahrwerke mit parabelgefederter Vorder- und luftgefederter Hinterachse fingen Bodenwellen, Schlag- löcher und Fahrbahnstöße überaus komfortabel ab. Hinzu kam eine hohe Fahr- stabilität mit geringen Nick- und Wank- neigungen. Exakt war auch das Lenk- verhalten mit direkt ansprechender Lenkmittelstellung, hohen Rückstellkräften und treuem Geradeauslauf gelungen. In den L-Fernverkehrs-Fahrerhäusern ging es allemal komfortabel zu. Die Vierpunkt-Luftfederung und die pneumatische Federung des ergonomisch einwandfreien Fahrersitzes sorgten für die Feinabstimmung des Federungskomforts. Doch gerade im rechten Maße, so daß das Gefühl für die Fahrbahnbeschaffenheit nicht verloren ging. Zum hohen Fahrkomfort gesellte sich noch eine außergewöhnlich niedrige Ge- räuschkulisse, die den positiven Eindruck steigernd abrundete. Bemerkenswert war bei den Actros-Fahrzeugen auch das überaus einfache Handling dank leichtgängiger Lenkung und übersichtlicher Instrumentierung. Dazu kamen noch eine ergonomisch günstige Sitzposition und ausgezeichnete Sichtverhältnisse aus der Kabine heraus und in den Rückblickspiegeln. Einfach, praktisch, gut - und deshalb oft gelobt - ist der linke Kombischalter, in dem die Funktionen Motorbremse, Tempomat, Bremsomat und, falls eingebaut, die Retarderbetätigung zusammengefaßt sind. Zum einfachen Handling gehört auch die serienmä- ßige Telligentschaltung, die mit der computergestützten vorwählbaren und automatisierten Schaltung den Fahrer deutlich entlastet. Schon seit Mitte des Vorjahrs gibt es ein neues Fahrerhaus-Interieur, mit dem Daimler-Chrysler außergewöhnlich schnell bei der Actros-Baureihe auf die Einwände der Fahrer und Unternehmer reagierte. Die wesentlichen Merkmale sind ein dunkel getöntes Armaturenbrett und neue Bezugsstoffe in etwas dunkler gehaltenen Farbtönen mit glatterer Oberfläche, worin auch die Dachauskleidung einbezogen ist. Das Interieur verschmutzt optisch nicht mehr so schnell und ist wesentlich reinigungsfreundlicher gestaltet. Weitere Neuheiten sind zusätzliche Ablagefächer über den Kabinentüren und eine Fernbedienung, mit der sich jetzt vom Schlafplatz aus das Radio und die Dachluke steuern lassen. Interessant ist auch die steckbare Leselampe, die sich wahlweise als Schlafplatzbeleuchtung hinter dem Fahrersitz oder als Kartenleuchte jeweils über die Fahrer- oder Beifahrertür positionieren läßt. Dazu besteht jetzt ohne Aufpreis die Wahl zwischen einer einteiligen oder dreiteiligen Liege, deren vorgezogene Mittelteile eine gemütliche Sitzgelegenheit bei der Rast bieten. Etwas Neues und Besonderes ist die Standklimaanlage, die es als Sonderausstattung bei Klimafahrzeugen gibt. Sie kühlt über einen Kältespeicher die Kabine auch bei ausgeschaltetem Motor. Die Kapazität des Speichers ist auf einen Betrieb über einige Stunden ausgelegt. Vom Fahrgefühl her nahm sich der Leistungsunterschied von rund 100 PS zwischen dem Actros 1853 und dem Actros 1843 überraschend gering aus. Das stärkere Fahrzeug besaß eine "schnellere" Gesamtübersetzung wobei der Motor bei 80 km/h auf der Autobahn nur noch mit etwa 1.058/min knapp über Leerlaufdrehzahl läuft. Diese rein auf Sparsamkeit ausgelegte Antriebsstrangauslegung machte sich nachteilig bemerkbar. Zwar war es erstaunlich, wie standfest der Motor bei diesen niedrigen Drehzahlen auf einfachen Steigungen blieb, doch sobald es etwas steiler nach oben ging, mußte der Fahrer im Verhältnis der zur Verfügung stehenden Motorleistung doch relativ früh zurückschalten. Immerhin standen ja bei dem Gesamtgewicht von 40 t des Testsattelzugs ein Leistungsverhältnis von 13,25 PS/t und ein maximales Drehmomentniveau von 60 Nm/t zur Verfügung. Auch wenn es ins Tal ging, hieß es für den Fahrer zurückschalten. Das niedrige Drehzahlniveau reichte für die an sich lobenswert leistungsstarke Konstantdrossel-Motorbremse einfach nicht aus, um eine ansprechende Bremswirkung entfalten zu können. Eigentlich sollte bei dem Einsatz eines derartigen Muskelpakets ein überaus komfortabler Fernverkehrseinsatz mit einer geringen Anzahl an Schaltungen bei hoher Durchschnittsgeschwindigkeit gegeben sein. Dieser Vorteil, mit dem sich aus meiner Sicht der Einsatz einer derart PS-gewaltigen Motorisierung rechtfertigen läßt, kommt hier nicht deutlich genug zum Zuge. Zumindest subjektiv fand ich die Fahrbarkeit der Antriebsstrangabstimmung des Actros 1843 aufgrund der etwas zugkräftigeren Auslegung besser. Vielleicht spielte da auch das Wissen eine Rolle, daß diesmal rund 100 PS weniger zur Verfügung standen. Doch der Actros 1843 besitzt bei 40 t Gesamtgewicht ein recht adäquates Leistungsverhältnis von 10,7 PS/t und vor allem ein maximales Drehmomentniveau von 50 Nm/t. Das verleiht dem 12-l-Motor eine gute Standfestigkeit in Steigungen und hält die Anzahl der Schaltungen in Grenzen. Am Ende zeigte sich dann doch auf dem schwierigen Autobahnabschnitt der Leistungsunterschied zwischen dem Actros 1853 mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 79,2 km/h und dem Actros 1843, für den ein Schnitt von 77,6 km/h errechnet wurde. Insgesamt schnitt der 530 PS starke Actros mit einem Durchschnittsverbrauch von 33,7 l/100 km und einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 76,6 km/h (Einzelergebnisse siehe Kasten) ab. Der Actros 1843 bewältigte den Test mit 31,3 l/100 km und 74,9 km/h, womit er übrigens trotz der ungünstigen Witterungsbedingungen einen ausgezeichneten Verbrauchswert in der 400-PS-Klasse erzielen konnte. So gesehen ist der Mehrverbrauch von 2,4 l des Actros 1853 erstaunlich gering ausgefallen. Dazu kommt noch, daß beim Actros 1853 in der höchsten Getriebestufe mit der Schnellgangübersetzung von 0,687:1 und bei der doppelt übersetzten Hinterachse gegenüber dem Actros 1843 (Direktganggetriebe und einfach übersetzte Hinterachse) einige zusätzliche Zahnradpaare im Eingriff waren. Insgesamt geht bei beiden Fahrzeugen die Rechnung auf. Der Actros 1843 bietet günstige Verbrauchswerte bei hohen Durchschnittsgeschwindigkeiten und ist im internationalen Fernverkehr praktisch jeder Anforderung gewachsen. Mit Blick auf die Wirtschaftlichkeit ist er mit seiner 428-PS-Motorisierung das ideale Fahrzeug mit einem guten Leistungsverhältnis. Wer in die Königklasse einsteigen will, der bekommt mit dem Actros 1853 ein leistungsstarkes Zugfahrzeug, das sich wirtschaftlich einsetzen läßt und mit seinem Muskelspiel auch bei extrem schwieriger Topographie für hohe Durchschnittsgeschwindigkeiten sorgen kann.

Adelbert Schwarz