Fahrbericht Scania 144

25 Jahre "King of the Road"


Das heutige Topmodell Scania R114 L 530 Topline (links) wirkt im Vergleich
zum LB 140 wie ein Fahrzeug von einem anderen Stern.

Zwischen dem ersten „King of the Road“ Scania LB 140 und dem heutigen Topmodell LB 144 L 530 liegt ein Zeitraum von 25 Jahren – und eine ganze Welt technischer Entwicklungen.



Der Veteran und einstige King of the Road zwischen dem heutigen Spitzenmodell R144 L 530 und dem R114 L 380 (rechts)















Die Topline-Kabine des heutigen Spitzenmodells R144 L 430 ist Scania überaus komfortabel und ansprechend gelungen.











Die Fernverkehrskabine des LB 140 galt vor 25 Jahren als sehr komfortabel.

Vor über 25 Jahren kam der Scania LB 140 auf den Markt. Dieses Fahrzeug war derzeit eine Sensation und prägte den Begriff „King of the Road“, mit dem fortan die Scania-LKW betitelt wurden. Heute ist der 530 PS starke Typ R144 mit Topline-Fahrerhaus das Spitzenmodell von Scania. Ein Vierteljahrhundert Fahrzeugeschichte ist es Wert, die beiden Fahrzeuge einmal direkt zu vergleichen.

Dabei ist es schon erstaunlich, wie die Technik in diesem Zeitraum vorangeschritten ist: Der Scania R144 L 530 Topline wirkt gegenüber dem LB 140 wie ein Fahrzeug von einem anderen Stern.

Der Scania R144 L 530 Topline wirkt gegenüber dem LB 140 wie ein Fahrzeug von einem anderen Stern.

Der LB 140 kann auf eine glorreiche Vergangenheit zurückblicken. Lange Zeit war dieses Modell mit einer Motorleistung von 350 PS bei 2.300/min und einem maximalen Drehmoment von 1.270 Nm bei 1.500/min der stärkste LKW auf den Straßen Europas. Diese Werte stammen von dem mächtigen 14,2-l-V8-Diesel „DS 14“, der den Scania LB 140 regelrecht die Berge hochtrieb. Da standen den Truckern in den Wettbewerbsfahrzeugen die Tränen in den Augen.

Wie immer, wenn eine neue Fahrzeug-Generation vorgestellt wird, herrscht die Meinung, daß dieses Spitzenprodukt kaum noch verbessert werden kann. Das war auch beim LB 140 vor gut 25 Jahren der Fall. Zu dieser Zeit wurde noch mit 38 t Gesamtgewicht gefahren, und im Fernverkehr zählten 280 PS schon zur Spitzenmotorisierung.

Der alte King of the Road brachte es mit 38 t Gesamtgewicht immerhin auf ein Leistungsverhältnis von 9,2 PS/t und auf ein maximales Drehmomentniveau von 33,4 Nm/t. Außergewöhnlich war auch, daß die maximale Leistung von 350 PS bereits bei 2.300/min und das damals gewaltige maximale Drehmoment von 1.270 Nm schon bei 1.500/min anstanden.

Auch wenn es um die Kabine ging, zählte der LB 140 als Rolls Royce unter den LKW. Für die damaligen Verhältnisse war sie geräumig und komfortabel eingerichtet. Allerdings fällt es heute schwer, bei dieser Kabine von Geräumigkeit und Komfort zu sprechen. Ein schmaler Steg führt nach oben zum Fahrerplatz. Bei der ungünstigen Stufenaufteilung muß der Fahrer die Füße sportlich hoch auf die Tritte setzen. Bei der „Fernverkehrskabine“ des LB 140 kann von Stehhöhe keine Rede sein, hier kann nur von einer ausreichenden Sitzhöhe gesprochen werden. Das Armaturenbrett mit aufgesetzter Instrumententafel ist überaus schlicht ausgefallen, das gilt insgesamt für den Innenraum einschließlich Schlafplatz.

Erstaunlich dagegen, wie gut sich der LB 140 mit einem Gesamtgewicht von 40 t noch fahren ließ. Immerhin hatte der Veteran eine Laufleistung von über 1 Million km hinter sich. Klar, daß hier auch nicht mehr alles so exakt funktionierte. Der Motor machte sich ziemlich deutlich beim Fahrer bemerkbar. Doch insgesamt erstaunte der Oldie durch ein recht einfaches Handling, und er ließ sich noch flott auf Touren bringen. Für die Fahrt wurde der LB-140-Sattelzug auf 40 t ausgelastet. Es ging mit einem Leistungsverhältnis von 8,7 PS/t und einem maximalen Drehmomentniveau von 31,7 Nm/t auf Tour. Dazu kam noch eine gemein schwierige Strecke:

  • ein 57,2 km langer Landstraßenabschnitt mit Ortsdurchfahrten und einer 8prozentig ansteigenden Serpentinenstrecke
  • und ein 80,2 km langer Autobahnabschnitt auf der A 3 zwischen der Ausfahrt Dierdorf und dem Kreuz Bonn/Siegburg – mit einer Berg- und Talfahrt sowie Anstiegen von über fünf Prozent.

Hier konnte der LB 140 noch ganz gut mithalten. Immerhin erzielte er auf der Autobahn noch eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 62,6 km/h bei einem Durschnittsverbrauch von 42,8 l/100 km. Auf der Landstraße konnte noch eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 56,7 km/h bei einem Verbrauch von 43,3 l/100 km erzielt werden.

Dagegen kommt das heutige Topmodell R144 L 530 Topline schon aus einer anderen Welt. Überaus bequem und sicher geht es nach oben in die Topline-Kabine. Diese bietet sogar zwischen Motortunnel und Dach noch eine Stehhöhe von knapp 2,0 m, vom Fußboden ab gemessen sind es über 2,20 m. Den Designern ist in Verbindung mit einem überaus gefälligen Interieur eine Wohlfühlatmosphäre in ausgezeichneten Dimensionen gelungen.

Die 4. LKW-Generation von Scania wurde 1995 vorgestellt. Das heutige Spitzenmodell R144 LA4x2NA 530 Topline wird ebenfalls von einem 14,2-l-V8-Dieseltriebwerk mit der Typbezeichnung „DSC 14 13“ angetrieben. Aus der Typbezeichnung geht hervor, daß dieser Dieselmotor auf der Basis des „DS 14“ vom LB 140 aufgebaut ist. Inzwischen leistet dieses Aggregat mit Abgasturbolader, Ladeluftkühlung und einer elektronisch geregelten Einspritzpumpe 530 PS bei 1.900/min und stellt ein maximales Drehmoment von 2.300 Nm zwischen 1.100 und 1.500/min zur Verfügung. Bei 40 t Gesamtgewicht bedeutet das ein Leistungsverhältnis von 13,2 PS/t und ein maximales Drehmomentniveau von 57,5 Nm/t. Mit dieser Antriebspower erzielte der R144 L 530 eine Durchschnittsgeschwindigkeit auf der Autobahn von 79,3 km/h bei einem Durchschnittsverbrauch von 44,6 l/100 km, und auf der Landstraße waren 61,2 km/h bei 44,9 l/100 km/h angesagt.

Zwischen den Werten des LB 140 und denen des R114 L 530 ist erkennbar, wie groß inzwischen der Abstand geworden ist. Der 530 PS Motor konnte eine wesentlich höhere Tranportleistung mit einem geringen Mehrverbrauch erzielen.

Dazu kommt noch der Vergleich mit dem Scania R114 L 380, dem Brot- und Butter-Auto im Fernverkehr. Der 11-l-Motor leistet 380 PS bei 1.800/min und hat ein maximales Drehmoment von 1.750 Nm zwischen 1.080 und 1.500/min. Der R114 L 380 erzielte auf der Autobahn eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 73,2 km/h und einen Durchschnittsverbrauch von 40,5 l/100 km, auf der Landstraße waren es 68,4 km/h bei 39, 7 l/100 km. Hier sorgte der 11-l-Motor für eine höhere Transportleistung bei geringeren Verbräuchen.

Das heutige Topmodell R144 L 530 ließ nicht nur die Muskeln spielen, sondern gab auch eine High-tech-Vorstellung. Da ist zunächst die in die EDC integrierte Tempomatfunktion und das integrierte Zusatz-Bremssystem mit Retarder. Da läßt sich sogar bei Talfahrten über einen Druckknopf am Retarder-Hebel eine automatische Geschwindigkeitsregelung einstellen. Die einfachste Art, bremsen zu lassen, ist die Bedienung über das Bremspedal: Ein kleiner Tick darauf, und schon schaltet sich der Retarder ein. Die automatische Geschwindigkeitsregelung steuert von nun an die Leistung bis zur höchsten Stufe, wo die Motorbremse automatisch hinzukommt. Eine Berührung des Fahrpedals, und der Retarder ist ausgeschaltet und der Geschwindigkeitswert gelöscht.

Und wer hätte vor 25 Jahren daran gedacht, daß es jemals ein automatisiertes Schaltgetriebe geben würde. Die Arbeitsweise des automatisierten Schaltsystems „Opticruise“ versetzt mich immer wieder in Erstaunen. Einfach fantastisch, wie das System in Kombination mit einem serienmäßigen Schaltgetriebe funktioniert und die Gänge ohne Kupplungsbetätigung und Einsatz der Synchron-Ringe schaltet. Der automatische, von einem Mikroprozessor berechnete Wechsel der Getriebestufen erfolgt verblüffend schnell und ruckfrei. Der Fahrer kann auf manuellen Betrieb umschalten oder Gas- und Bremspedal sowie Retarderbetätigung die Schaltpunkte beeinflussen. In allen Fällen wird die Kupplung nur zum Anfahren, Anhalten und Rangieren benutzt.

Das integrierte Bremssystem mit Scania-Retarder – das mit dem Opticruise in Verbindung steht – ließ die High-tech-Bremsanlage mit EBS (elektronisch geregeltes Betriebsbremssystem) und Rundum-Scheibenbremsen praktisch nur noch beim Anhalten zum Einsatz kommen. Der Scania-Fahrer partizipiert vom EBS durch eine schnelle Bremsreaktion und ebenfalls schnelles Lösen der Radbremsen. Dazu kommen eine genaue Dosierbarkeit und ein PKW-ähnliches Pedalgefühl.

Die Technik des R144 L 530 vermittelt schon heute einige Vorstellungen über die Entwicklung der nächsten 25 Jahre. Die Frage ist, ob es in einem Vierteljahrhundert noch einen Trucker hinterm Lenkrad gibt. Mit Sicherheit wird er dann nur noch eine begleitende Funktion spielen; das Fahren wird von einer intelligenten Elektronik übernommen.

Adelbert Schwarz