Test Scania R 124 LA 420

Bild Scania R 124 LA 420

Mit weitgehend überarbeiteten Fernverkehrskabinen und
High-Tech-Motoren sorgt Scania für neuen Schwung.

 


Neuer Schwung

Für neuen Schwung sorgt Scania in Bezug auf Komfort, Motorleistung, saubere Abgase und sparsame Verbrauchswerte im Modelljahr 1998. Der erste Test mit der noch taufrischen, 420 PS starken Sattelzugmaschine Scania R 124 LA 420 4x2 zeigte deutlich den Vorwärtsdrang der Schweden.

Bild Motor

Neue Kraft aus Pumpe-Düse-Elementen: der 11,7-l-Motor mit 420 PS

 

Bild Staufach

Ein interessantes Detail ist der Staukasten unter der Klappliege an der Fahrerhausrückwand ...

Bild Staufach

... an der Front läßt sich ein Tisch ausklappen ...

Bild Staufach

... der unterteilbare Stauraum ist als auziehbare Schublade gearbeitet ...

Bild Staufach

... die Tischfläche läßt sich zum neuen, bequemen Ruhesessel verschieben und der Abstand zum Körper über die Schublade variieren.

In diesem Frühjahr startete Scania eine schwungvolle Produkt-Offensive: Ein umfassend überarbeitetes Interieur in den CR-Fernverkehrskabinen sorgt für mehr Fahrerkomfort und Wahlmöglichkeiten. Dazu kommen neue Motoren, bei denen die Schweden erstmals Pumpe-Düse-Elemente einsetzen. Mit dieser Technik ist zunächst der 12-l-Motor DSC12 05 ausgestattet, der eine Leistung von 420 PS zwischen 1.700 und 1.800/min und ein maximales Drehmoment von 1.950 Nm zwischen 1.050 und 1.450/min bringt – also ein hochinteressanter Testkandidat.

Auf Basis des DSC12 05 gibt es derzeit noch die 11-l-Motoren mit einem an die Leistung angepaßten und von 11,7 auf 10,6 l verringerten Hubvolumen: Der Motor DC11 02 leistet 380 PS bei 1.800/min und besitzt ein maximales Drehmoment von 1.750 Nm zwischen 1.080 und 1.500/min, beim DC11 01 sind es 340 PS bei 1.800/min und 1.600 Nm zwischen 1.000 und 1.450/min.

Diese High-Tech-Aggregate besitzen als gemeinsame Basis die bekannte 12-l-Motoren-Baureihe DC12, die zusammen mit der 4er-Fahrzeuggeneration 1995 vorgestellt wurde. Schon zu dieser Zeit verfügten die Triebwerke mit Abgasturbolader und Ladeluftkühlung über die Vierventil-Technik (je zwei Ein- und Auslaßventile pro Zylinder). Die Einspritzung erfolgte aber eher konventionell: über eine EDC-geregelte (400-PS-Version) sowie eine mechanisch geregelte Reiheneinspritzpumpe (360 PS Version).

Mit den neuen 6-Zylinder-Reihen-Dieselmotoren, die momentan noch parallel zum bisherigen Programm eingesetzt werden, legen die Schweden mit den Pumpe-Düse-Elementen jetzt einiges drauf. Wie schon aus der Typ bezeichnung R 124 LA 420 4x2 der Sattelzugmaschine hervorgeht, kam die leistungsstärkste High-Tech-Version DSC12 05 mit 420 Pferdestärken beim Test zum Einsatz.

Zum Antriebsstrang zählt auch das synchronisierte Scania-Schaltgetriebe GRS 900 R. Damit stehen 12 Fahrgänge in einer Spreizung von 11,27:1 bis 1:1 und zwei Kriechgänge für die Vorwärtsfahrt zur Verfügung. In Verbindung mit den Reifendimensionen 315/80 R 22.5 und einer Hinterachsübersetzung von 3,08:1 ergibt sich eine Antriebsstrangauslegung auf eine theoretische Höchstgeschwindigkeit von rund 111 km/h bei Nenndrehzahl in der höchsten Gangstufe und eine Motordrehzahl von etwa 1.300/min bei Autobahntempo 80 km/h.

Wie sich beim Test zeigte, ist das eine überaus passende Auslegung, die eine hohe Transport-Ökonomie und eine sehr gute Fahrbarkeit kombiniert. Damit standen bei dem auf 40 t Gesamtgewicht ausgelasteten Test-Sattelzug ein Leistungsverhältnis von 10,5 PS/t und ein maximales Drehmoment-Niveau von rund 48,8 Nm/t zur Verfügung. Bemerkenswert waren die Elastizität des Triebwerks in den unteren Drehzahlbereichen und die Standfestigkeit am Berg.

Der Autobahnabschnitt auf der A3 von Köln bis zum Frankfurter Kreuz weist sowohl auf der Hin- als auch auf der Rücktour langgezogene Steigungen und Gefälle bis 5,5 Prozent auf. Vor allem hier zeigte sich der Motor DSC12 05 von seiner besten Seite, wenn es bergauf ging: Nur langsam fiel in Steigungen die Drehzahl ab, und bis zu einem Wert von fünf Prozent nahm sie der Scania R 124 LA 420 im 9. Gang mit etwa 45 km/h und einer Drehzahl von rund 1.400/min. Der steilste Anstieg mit ungefähr 5,5 Prozent wurde ebenfalls im 9. Gang mit 1.200/min und 39 km/h genommen. Die Pumpe-Düse-Element-
Technologie ist für die Schweden bereits die Vorbereitung auf die Jahrtausendwende und die künftige Euro-3-Norm. Diese Einspritztechnologie ermöglicht im Vergleich zu Reihen-Einspritzpumpen höhere Einspritzdrücke und eine überaus präzise Steuerung des Einspritzvorgangs. Jeder Zylinder des Motors besitzt ein Pumpe-Düse-Element, das über Nockenstößel, Stößelstange und Kipphebel angetrieben wird. Der Einspritzbeginn und die Kraftstoff-Mengenzumessung erfolgt am Pumpe-Düse-Element über ein elektronisch gesteuertes Magnetventil. Die elektronische Steuereinheit (ECU) überwacht und steuert die Funktionen.

Eben diese Präzisions-Hochdruck-Einspritzung gepaart mit einem hohen Füllungsgrad über Abgasturbolader, Ladeluftkühlung und Vierventiltechnik läßt im wesentlichen die enormen Verbrennungsdrücke im unteren Drehzahlbereich zwischen 1.050 und 1.450/min entstehen, auf die sich das maximale Drehmoment von 1.950 Nm stützt. Gerade hier, im Vollastbereich, bringt dieser Motor deutliche Verbrauchsvorteile. Ein weiterer Punkt sind natürlich äußerst saubere Abgaswerte in allen Betriebssituationen.

So konnte der Scania R 124 LA 420 vor allem auf dem Autobahnabschnitt von Köln nach Frankfurt und zurück mit Sparwerten glänzen. Für die 377 km Autobahnkilometer wurden bei nicht einmal besonders günstigen Witterungsbedingungen ein Durchschnittsverbrauch von 30,9 l/100 km und eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 79,3 km/h errechnet. Sicher lassen sich die Verbrauchswerte nicht direkt vergleichen, doch die Schweden erreichten knapp den bisherigen Bestwert in der 12-l-Hubraum- beziehungweise 420-PS-Klasse von 30,7 l/100 km bei 79,7 km/h. Diese Werte wurden vom 428 PS starken Daf 95 XF 430 bei praktisch idealen Testbedingungen im Sommer vorigen Jahres aufgestellt. Zu bedenken ist noch, daß der Scania auch mit einem Retarder ausgestattet war, der sich etwas nachteilig im Kraftstoffverbrauch bemerkbar macht. Doch das ist gegenüber den Vorteilen, die das integrierte Bremssystem nicht nur auf Talfahrten zu bieten hat, leicht zu verschmerzen. Über die Funktionsweise wurde schon viel geschrieben. Es ist jedoch immer wieder fantastisch, wie einfach dieses elektronisch gesteuerte System die Geschwindigkeit bergab mit nur einem Tipp aufs Bremspedal automatisch regelt: eine überaus komfortable Lösung wie übrigens auch der serienmäßige Tempomat. Mehr Komfort und Bewegungsraum für den Fahrer war die Devise der Schweden bei der weitgehenden Überarbeitung des Fernfahrerhaus-Interieurs. Ohne Änderungen kamen sie dagegen bei der Fahrerplatzsituation, bei der Fahrwerksabstimmung, bei der Fahrstabilität und beim Lenkverhalten aus. Diese Punkte sind den Schweden bei der Baureihe 4 erstklassig gelungen. In den vorangegangenen Tests wurde das bereits ausführlich beschrieben. Zu bemerken wäre hier noch, daß die Fahrharmonie mit dem 420-PS-Motor im Vergleich zu den Modellen mit der 400-PS-Version des 12-l-Motors noch etwas gesteigert werden konnte.

Die Überarbeitung betrifft in erster Linie alle CR-19-Fernverkehrs-Kabinen. Der zentrale Punkt ist dabei der um etwa 120 mm niedrigere Motortunnel mit weitgehend ebenem und begehbarem Plateau. Wesentliche Details sind hier vor allem das hochklappbare Lenkrad, der abklappbare Schalthebel, ein umgestaltetes Mittelteil im Armaturenbrett mit Ablagefläche, Dosenhalter und darunterliegendem Schubfach.

Darüber hinaus besteht ohne Preisdifferenz die Wahlmöglichkeit zwischen einer Allein-Fahrer- und einer Zwei-Fahrer-Version. Die neu kreierte Allein-Fahrerversion ist mit nur einer erhöht angebrachten Klappliege und einem weit nach hinten sowie fest montierten Ruhesessel ausgestattet. Ein Staukasten unter der Liege mit Schubfach und Klapptisch ist hier ein besonders gut gelungenes Ausstattungsdetail. Die Entscheidung zwischen Ein- oder Zweifahrerkabine wird dem Kunden bei dem Solokonzept für die CR19-T-Topline-Kabine von Scania abgenommen. Sie enthält zwar serienmäßig das Komfortpaket der Allein-Fahrerversion und zusätzlich noch eine Schiebeeinrichtung für den Fahrersitz, ist aber auf eine Zwei-Mann-Besatzung ausgelegt. Die bemerkenswert komplette Serienausstattung reicht von getönten Scheiben über 4-Punkt-Luftfederung bis zur elektronisch geregelten Klimaanlage. Mit dieser Kabine war auch die Test-Sattelzugmaschine R 124 LA 420 ausgestattet.

So fielen beim Einstieg in die Top-Kabine von Scania zunächst der feststehende und weit nach hinten gesetzte, breite Ruhesessel sowie das zusätzliche Seitenfenster hinter der Beifahrertür auf: ein wirklich bequemer Platz mit Kopfstütze zum Pausieren. Auf Tour mit einer Zwei-Mann-Besatzung ist hier auch der Beifahrer gut und dank Automatik-Dreipunkt-
Sicherheitsgurt auch sicher aufgehoben.

Er sollte übrigens auf diesem Platz das Angurten nicht vergessen. Bei der weit zurückgesetzt fixierten Sitz-Position gibt es keine unmittelbaren Abstützmöglichkeiten. So kann für ihn schon bei einer Vollbremsung die Flugbahn durch die Windschutzscheibe vorprogrammiert sein. Vor allem dann, wenn Rundumscheibenbremsen und EBS sowohl bei der Zugmaschine als auch beim Auflieger für enorme Verzögerungswerte sorgen – wie beim Test-Sattelzug mit dem Scania R 124 LA 420.

Dank der weitreichenden Kabinenüberarbeitung kann der Fahrer jetzt ohne große Verrenkungen von seinem Platz aus die Plattform des Motortunnels erreichen, was die Begehbarkeit oder den Durchstieg zur Beifahrertür wesentlich vereinfacht. Allerdings muß er zuvor noch einige Vorbereitungen treffen: Als erstes wird der Schalthebel flach nach vorn auf den Motortunnel gelegt, dann das Lenkrad nach oben geklappt und der Fahrersitz über die Schiebe-Einrichtung ganz nach hinten geschoben. Diese Übung läßt sich dank der Ein-Hand-Sperren verhältnismäßig schnell und einfach durchführen. Außerdem werden beim Zurückstellen die alten Positionen eingenommen. Das erspart die lästige Neueinstellung der Sitz- und Lenkradposition. Insgesamt bedeutet diese Operation einen akzeptablen Kompromiß gegenüber einem Konzept mit ebenem Fahrerhausboden.

Die Stehhöhe war beim Topline-Fernfahrerhaus nie ein Thema gewesen. Und bis jetzt einzigartig ist die eigenwillige Lösung mit einem vorn über dem Fahrer angeordneten breiten Bett für besten Liegekomfort. Übrigens wurden die Stufen der klappbaren Aufstiegsleiter wesentlich verbreitert, so daß es jetzt keinen "Bußgang" auf Strümpfen oder barfuß nach oben gibt. Diese Bettanordnung hat auch dazu geführt, daß die zweite Liege grundsätzlich in erhöhter Position und klappbar an der Kabinenrückwand montiert ist. Auch für einen Alleinfahrer lohnt es sich bei längeren Aufenthalten, wie bei einer Übernachtung, die untere Liege aufzuklappen. Er erhält so ein gemütliches Sofa in seiner Kabine.

Die hochgesetzte Liege an der Kabinenrückwand gibt auch Raum für den schon angesprochenen Großraum-Staukasten darunter, der ebenfalls beim Topline-Fahrerhaus zur Serienausstattung gehört. Hier haben sich die Schweden besondere Lösungen einfallen lassen: Der gesamte Stauraum wird durch ein unterteiltes Schubfach gebildet. Zusätzlich gibt es eine verschiebbare Ablagekonsole für Kleinteile. Darüber hinaus befindet sich an der Schubfach-Front ein Klapptisch. Nach dem Aufklappen läßt sich die Tischfläche direkt vor der Person auf dem Ruhesessel ausfahren und der Abstand zum Körper über die Schublade variieren. Bequemer lassen sich Speisen und Getränke kaum einnehmen oder Schreibarbeiten erledigen.

Und noch etwas ist neu. Zur Serienausstattung gehört eine Kunststoff-Stoßstange mit festen Trittstufen. Den bisherigen vollverkleideten Einstieg mit ausklappender 1. Trittstufe gibt es jetzt als Option. Dazu kommen noch weitere neue Ablagemöglichkeiten wie ein vom Innenraum getrenntes und von außen zugängliches Ablagefach sowie ein Staufach unter dem Ruhesitz, das sowohl von innen als auch von außen zugänglich ist. Die Staufächer über der 2. Liege an der Rückwand gehören jetzt zur Serienausstattung, und auf Wunsch gibt es anstelle dieser Fächer eine neue Ablagekonsole zur Montage von Geräten wie Fernseher oder Mikrowelle.

Alles zusammengenommen haben die Schweden mit einer Vielzahl von Mosaik-Stücken die neuen Fernverkehrsfahrzeuge für das Modelljahr 1998 zusammengesetzt. Es ist ihnen gelungen, durch den Einsatz der High-Tech-Motoren für eine erhöhte Wirtschaftlichkeit sowie mit der weitreichenden Überarbeitung der Kabine für mehr Komfort und Wahlmöglichkeiten zu sorgen. Die Sattelzugmaschine R 124 LA 420 4x2 gab beim Test aus jeder Sicht ein überzeugendes Gesamtbild für einen schwungvollen Scania-Modellstart in die weitere Zukunft ab.

Adelbert Schwarz

Bild Ablage

Neu sind auch die Ablagefläche mit Dosenhalter und das darunterliegende Schubfach im Mittelteil des Armaturenbretts.

Bild Ablage

Für eine vereinfachte Begehbarkeit der Kabine läßt sich der Schalthebel flach nach vorn klappen, das Lenkrad hochklappen und der Sitz nach Ziehen des Sperrhebels weit zurückschieben ...

Bild Ablage

... danach gelingt ohne große Verrenkungen der Aufstieg auf die Plattform des Motortunnels.

 

 

 

 


Testverbrauch auf
einen Blick
Autobahn
gefahrene km 377,0 km
Durchschnittsverbrauch 30,9 l/100 km
Durchschnittsgeschwindigkeit 79,3 km/h
davon einfache Strecke A 4
gefahrene km 34,4 km
Durchschnittsverbrauch 25,4 l/100 km
Durchschnittsgeschwindigkeit 84,8 km/h
Mischstrecke
gefahrene km 70,4 km
Durchschnittsverbrauch 39,1 l/100 km
Durchschnittsgeschwindigkeit 60,6 km/h
davon Bergwertung Steigung 8 %
gefahrene km 3,1 km
Durchschnittsverbrauch 140,8 l/100 km
Durchschnittsgeschwindigkeit 43,3 km/h
Testverbrauch gesamt
gefahrene km 447,4 km
Durchschnittsverbrauch 32,2 l/100 km km
Durchschnittsgeschwindigkeit 75,6 km/h
Wetter: bewölkt, windig, teilweise Regen, +6 bis +14° C