Testbericht Scania R164 L V8/580

Superstark: Der Scania R164 L V8/580 zeigte sich beim Test als sparsames und komfortables Zugpferd.

Mächtig Dampf

Als Muskelprotz trat der Scania R164 LA4x2NA 580 beim Fernverkehrs-Test auf. Der neue, 580 PS starke V8-Diesel sorgte für hohe Transportleistungen und zeigte sich genügsam im Verbrauch.


Signet: Dieses Typenschild kennzeichnet den stärksten Euro-3-Straßen-LKW.





Imposant: die Frontansicht des Topmodells Scania R164 L V8/580





Dampfhammer: das mächtige 16-l-V8-Dieseltriebwerk





King of the Road: die Sattelzugmaschine Scania R164 L V8/580





Erstklassig: der Fahrerarbeitsplatz in der Kabine CR 19 Topline





Standsicherheit: Der große Klapptritt vereinfacht die Scheibenreinigung.





TESTERGEBNIS
Autobahn
gefahrene Kilometer 377,0 km
Durchschnittsverbrauch 32,9 l/100 km
Durchschnittsgeschwindigkeit 81,4 km/h
davon einfache Strecke A 61
gefahrene Kilometer 34,2 km
Durchschnittsverbrauch 24,6 l/100 km
Durchschnittsgeschwindigkeit 85,9 km/h
Mischstrecke
gefahrene Kilometer 70,4 km
Durchschnittsverbrauch 40,3 l/100 km
Durchschnittsgeschwindigkeit 67,9 km/h
davon
Bergwertung
Steigung 8 Prozent, Länge 3,1 km
Durchschnittsverbrauch 144,3 l/100 km
Durchschnittsgeschwindigkeit 47,9 km/h
Testverbrauch gesamt
gefahrene Kilometer 447,4 km
Durchschnittsverbrauch 34,1 l/100 km
Durchschnittsgeschwindigkeit 78,9 km/h
Wetter sonnig/bewölkt; windig; teilweise nasse Fahrbahn; +12 bis +25° C


Mit dem neuen Topmodell R164 L V8/580 hat Scania ohne Zweifel den Mythos vom „King of the Road“ wieder aufleben lassen. Das gilt nicht nur für den optischen Eindruck, den das Testfahrzeug R164 LA4x2NA 580 Topline beim Testantritt zur Schau stellte. Immerhin hat Scania nun den stärksten Euro-3-LKW auf die Straße gesetzt. Das mächtige 16-l-V8-Triebwerk DC 16 01 leistet 580 PS bei 1.900/min und besitzt ein bärenstarkes maximales Drehmoment von 2.700/Nm zwischen 1.100 und 1.300/min.

Athletische Leistungdaten, die auch zur beeindruckenden Silhouette der CR 19 Topline-Kabine passten. Nach außen kennzeichnete die Typenbeschilderung R164 L V8/580 die Testsattelzugmaschine als Scanias neuen King of the Road. Das Fahrgefühl mit dem neuen Flaggschiff ist schon etwas Besonderes: einfach fantastisch, wie souverän dieser Motor mit dem auf 40 t Gesamtgewicht ausgelasteten Test-Sattelzug umging. Allerdings standen hier auch ein Leistungsverhältnis von 14,5 PS/t und ein maximales Drehmomentniveau von 67,5 Nm/t zur Verfügung. Schon bei der Leerlaufdrehzahl von 900/min liegt bereits ein Drehmoment von rund 2.300 Nm an. Das spiegelt die Super-Elastizität, die Standfestigkeit und die Durchzugskraft des mächtigen 16-l-V8-Dampfhammers wider.

Bei der Bestückung des Antriebsstrangs mit dem Getriebe GRS 920 R, das über eine Spreizung von 11,27:1 bis 1:1 für die 12 Fahrgänge verfügt, und einer Hinterachsübersetzung von 3,08:1 ergab sich in Verbindung mit den Reifendimensionen 315/80 R 22,5 eine Auslegung auf eine Höchstgeschwindigkeit von 121 km/h, bei einer Motordrehzahl von 1.900/min in der höchsten Getriebestufe oder bei Autobahntempo 80 km/h rund 1.256/min.

Auf den ersten Blick eine ziemlich hohe Drehzahl. Normalerweise könnte das Muskelpaket DC 16 01 mit geringeren Drehzahlen beim Vortrieb auskommen: zum Beispiel mit 1.190/min, die sich bei der Wahl der alternativen Hinterachsübersetzung von 2,92:1 ergeben.

Doch die Einsparungen im Zehntel-Liter-Bereich durch die abgesenkte Motordrehzahl würden hier zu Lasten des Fahrkomforts gehen: Wer will denn schon mit 580 PS Motorleistung und einem maximalen Drehmoment von 2.700 Nm gleich bei jedem Hügel schalten? In dieser Beziehung zeigte sich die etwas kürzere Hinterachsübersetzung auf dem schwierigen Autobahnabschnitt überaus vorteilhaft. Außerdem liegt bei Voll-Last der verbrauchsgünstige Bereich zwischen 1.200 und 1.500/min.

Eine 580-PS-Motorisierung hat einige Vorteile: komfortables Fahren mit wenigen Schaltungen und ein niedriges Drehzahlniveau bei hohen Durchschnittsge- schwindigkeiten.

Besonders auf dem Abschnitt von Köln bis zum Frankfurter Kreuz geht es in einigen langgezogenen Steigungen mit fünf Prozent und sogar teilweise etwas steiler bergauf. Selbst auf dem steilsten Steigungsabschnitt zog der R164 L V8/580 den 40-t-Zug noch mit 59 km/h und 1.490/min im 5. Gang groß (10. Getriebestufe) weiter nach oben. Ansonsten bügelte das Muskelpaket Steigungen ohne zu Schalten oder im 6. Gang klein glatt.

Auch die 3,1 km lange Serpentinenstrecke auf dem Mischstreckenabschnitt mit achtprozentiger Steigung und teilweise engen Kehren wurde vom Scania R164 L V8/580 mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 47,9 km/h genommen.

In diesem Sinne hat eine 580-PS-Motorisierung im schweren internationalen Fernverkehr einige Vorteile: komfortables Fahren mit wenigen Schaltungen und ein niedriges Drehzahlniveau bei hohen Durchschnittsgeschwindigkeiten. Beim Verbrauch konnte das 16-l-V8-Aggregat ziemlich günstig abschneiden. So wurde für den 377 km langen und sehr schwierigen Autobahnabschnitt eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 81,4 km/h und ein Durchschnittsverbrauch von 32,9 l/100 km errechnet (Einzelergebnisse siehe Kasten), und im Teillastbetrieb auf der Rolletappe kam der Motor mit 24,6 l/100 km aus.

Vor allem bei diesem Power-Aggregat sollte auf Rundumscheibenbremsen und elektronisches Bremssystem (EBS) sowie Traction Control (TC) nicht verzichtet werden. Allerdings ist hier, wenn auch vergleichbar gering, ein Aufpreis von 1.315 DM zu zahlen. Doch sollte diese Sicherheitsausstattung zumindest beim R164 L V8/580 in jedem Fall serienmäßig dazugehören.

Zur Sonderausstattung zählt auch das „Integrierte-Zusatz-Bremssystem mit Scania-Retarder“, das mit 14.995 DM zu Buche schlägt. Damit lässt sich die urwüchsige Power des Scania-Motors DC 16 01 sanft und verschleißlos zügeln. Der Retarder ist dem Bremspedal vorgeschaltet und arbeitet grundsätzlich beim Verzögern mit. Auf langem Gefälle ist die einfachste Bedienungsart über das Bremspedal: ein kleiner Tick darauf und schon wird die momentane Geschwindigkeit registriert. Das Zusatzbremssystem sorgt jetzt automatisch dafür, dass die Geschwindigkeit gehalten wird. Dazu wird, je nach Bedarf, der Retarder bis zur höchsten Stufe hochgefahren und zusätzlich die Motorbremse (Bremsleistung 408 PS bei 2.400/min) aktiviert.

Außerdem gibt es noch einen übergeordneten Fünf-Stufen-Schalter im Armaturenbrett, über den der Fahrer das System manuell einsetzen kann. Weiterhin lässt sich hier per Knopfdruck eine Bremsomatfunktion aktivieren, wenn zum Beispiel mit Tempomat gefahren wird.

Da bleiben auch auf langen Gefällefahrten die Betriebsbremsen kalt und stehen im Notfall mit ihrer vollen Leistungsfähigkeit zur Verfügung. Darüber hinaus sorgt die Kombination zwischen EBS und Rundumscheibenbremsen für ein besseres, schnelleres und absolut gleichzeitiges Ansprechen und Lösen der Bremsen. Dazu kommen noch eine hervorragende Verzögerung mit verkürzten Bremswegen und eine bestmögliche Brems-Fading-Sicherheit. Insgesamt eine überaus lohnende Investition, die sich obendrein durch geringen Bremsverschleiß und höhere Durchschnittsgeschwindigkeiten mit schnellen und sicheren Talfahrten amortisiert.

Interessant ist auch der „clevere“ Lüfter, der den Wirkungsgrad des Retarders erhöht und Kraftstoff sparen hilft. Das neue Kühllüfter-System kommuniziert mit der Fahrzeugelektronik. Auf diese Weise läuft der Kühllüfter sofort mit voller Leistung an, wenn der Fahrer den Retarder eingeschaltet hat und sich die Kühlflüssigkeit zu erwärmen beginnt. Nun kommt zur Retarderleistung nochmals die Lüfterbremsleistung von rund 40,8 PS hinzu. Darüber hinaus sorgt der elektronische Lüfter für eine schnellere Motorerwärmung nach dem Kaltstart. Außerdem ermöglicht die Elektronik dank präziser Überwachung der Motortemperatur eine größere Schaltspanne sowie einen variablen Lüfterbetrieb. Dazu lässt sich in Verbindung mit einer automatischen Leistungsreduzierung ein Kochen des Motors verhindern. Insgesamt können mit dem Lüftersystem bis zu zwei Prozent beim Kraftstoffverbrauch eingespart werden.

Wie schon bemerkt, war der R164 L V8/580 beim Test erstaunlich sparsam. Das zeigt deutlich, dass Scania mit dem Euro-3-Motor DC 16 01 ein innovatives PS- und drehmomentgewaltiges 16-l-V8-Triebwerk gelungen ist. Dazu zählen Vierventiltechnik (je zwei Aus- und Einlassventile), Abgasturbolader und Ladeluftkühlung sowie vollelektronische Direkteinspritzung (EDC) über Pumpe-Düse-Elemente (PDE).

Weiterhin konnten viele Teile und Parameter aus dem Euro-3-Baukasten der erfolgreichen 6-Zylinder-Reihenmotoren mit 11 und 12 l Hubraum (DC11 und DC 12) übernommen werden. So erklärt sich auch der Hubraum von knapp 16 l des V8-Motors. Das Triebwerk gibt es noch in einer 480-PS-Version DC 1602, die Nennleistung und das maximale Drehmoment von 2.300 Nm liegen in den gleichen Drehzahlniveaus wie beim 580-PS-Muskelpaket an.

Beim Test mit dem R164 L V8/580 ist noch das auffällig niedrige Geräuschniveau in der Topline-Kabine zu bemerken. Daran ist auch die außergewöhnliche Laufkultur des V8-Motors beteiligt, die sich unter anderem durch eine Zylinder-Winkelstellung von 90° ergibt. Vorzüglich auch der Fahrkomfort dank gelungener Abstimmung zwischen Vierpunkt-Kabinenluftfederung, blatt-parabelgefederter Vorder- und luftgefederter Hinterachse. Weiterhin haben Fahrstabilität und Lenkverhalten, wie bei praktisch allen Scania-Tests, nur Bestnoten verdient.

Was die Topline-Kabine an Bequemlichkeit zu bieten hat, darüber ist ebenfalls in der Vergangenheit ausführlich berichtet worden. Auffällig ist die Platzierung eines 90 cm breiten Klapp-Bettes, vorne über der Windschutzscheibe. Die untere Liege – sie befindet sich wie gewohnt hinter dem Fahrer – ist in den Maßen 2.000x700 mm (Länge x Breite) auch recht großzügig ausgefallen. Erfreulich ist immer wieder die ziemlich komplette Serienausstattung: angefangen von den getönten Scheiben über elektrische Fensterheber bis zur elektronisch geregelten Klimaanlage.

Der Test mit dem R164 L V8/580 hat eindeutig bewiesen, dass Scania jetzt in der Top-LKW-Klasse von über 500 bis 600 PS auf dem Thron sitzt. Wahrhaft königlich ist auch der Grund-Listenpreis von 304.255 DM für die Sattelzugmaschine R164 LA4x2NA 580 einschließlich Topline Fahrerhaus mit Dach- und Seitenspoiler. In der Ausstattung des Testfahrzeugs mit integriertem Zusatzbremssystem und Retarder, EBS und Scheibenbremsen sowie weiteren Aufpreisdetails kommt der King of the Road auf einen Listenpreis von 348.260 DM.

Nun, es war schon immer etwas teurer, einen besonderen Geschmack zu haben. Und in diesem Falle gilt: „Von allem einfach nur das Beste, das Scania zu bieten hat.“


technische Daten:
Scania R164 LA4x2NA 580
Maße und Gewichte
Gesamtlänge: 5.940 mm
Gesamtbreite: 2.550 mm
Gesamthöhe: 3.900 mm
Radstand: 3.700 mm
Wendekreisdurchmesser: 14.800 mm
Zulässige Achslast vorn 7.500 kg
Zulässige Achslast hinten 11.500 kg
Zulässiges Gesamtgewicht: 18.000 kg
Leergewicht Testfahrzeug mit Fahrer und vollem Tank 7.635 kg
Zulässiges Zuggesamtgewicht 40.000 kg
Gesamtzuglänge 16,50 m
Gesamtzugbreite 2,55 m
Gesamtzughöhe 4,0 m
Test-Zuggesamtgewicht ca. 40 t
Sattelanhänger: Kofferauflieger; Luftfederung; starres 3-Achs-Aggregat
Antriebsstrang
Motor: Scania DC 1601: Euro-3-Motor; flüssigkeitsgekühlter V8-Viertakt-Dieselmotor mit Abgasturbolader und Ladeluftkühlung; Direkteinspritzung über elektronisch geregelte Pumpe-Düse-Elemente; Vierventiltechnik; Bohrung/Hub: 127/154 mm; Hubraum: 15,6 l; Leistung: 580 PS (426 kW) bei 1.900/min; maximales Drehmoment: 2.700 Nm zwischen 1.100 und 1.300/min Kupplung: Einscheiben-Membranfeder-Trockenkupplung; Servo-Betätigung; selbstnachstellend
Getriebe: Scania GRS 920 R: synchronisiertes Schaltgetriebe mit Range- und Splittgruppe: 12 Fahrgänge (Übersetzungsverhältnisse von 11,27:1 bis 1:1); zwei Crawler (i= 16,38:1 und 13,28:1); zwei Rückwärtsgänge (i= 14,74:1 und 11,95:1)
Antriebs-Hinterachse: Scania ADA 1100 mit Achseinsatz R 780; einfach übersetzte Hypoidachse mit Differenzialsperre; Übersetzung 3,08:1; Gesamtauslegung: 1.256/min bei 80 km/h in höchster Getriebestufe
Fahrwerk
Federung: starre 7,5-t-Vorderachse: Blatt-Parabelfederung, Stoßdämpfer; hinten: starre Antriebsachse: Luftfederung mit Hebe- und Senkeinrichtung, Stoßdämpfer
Bremsen: 2-Kreis-Druckluft-Betriebsbremsanlage mit EBS (elektronisches Betriebsbrems-System); druckluftbetätigte Rundum-Scheibenbremsen; ABS; Stauklappen-Motorbremse; Sonderausstattung: Scheibenbremsen, EBS, TC (Traction Control) und integriertes Zusatzbremssystem mit Scania-Retarder; Hilfs- und Feststellbremse: über Federspeicher-Bremszylinder auf Hinterräder wirkend
Reifen: Zugfahrzeug: vorn: 315/80 R 22.5 Michelin Energy XZA; hinten: 315/80 R 22.5 Michelin Energy XDA; Auflieger: 385/65 R 22.5 Michelin Energy XTA

Adelbert Schwarz