Test Scania R94 6x2/4 NA 310

Bild Scania

Maßgeschneidert: Im Solo-Einsatz zeigte sich der Scania R94 6x2/4 NA 310 als wendige, kräftig motorisiertes Fahrzeug

 


Kräftiger Durstlöscher

Wendig wie ein Zweiachser, doch mit dem Gesamtgewicht eines Dreiachsers, absolvierte der Scania R94 6x2/4 NA 310 die Teststrecke. Insgesamt eine wirtschaftliche und maßgeschneiderte Lösung aus Schwedenfür den Getränke-Verteilereinsatz
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Durstlöscher: der Klappwand-Getränke-Aufbau von Köppler für die bequeme Seitenbeladung und am Heck eine MBB-Ladebordwand für das einfache Be- und Entladen vor Ort.

Die ultimative Allround-Version eines Verteiler-LKW ist noch nicht in Sicht. Über die Wirtschaftlichkeit des Fahrzeugs entscheidet in erster Linie ein auf den Einsatz maßgeschneidertes Konzept. Klar, daß es vorab auch Anforderungen gibt, die vor allem auf das Motorwagen-Fahrgestell allgemein zutreffen. Der Verteilerverkehr ist durch kurze Strecken und häufige Stopps mit Be- und Entladen, dichtem Stop-and-Go-Verkehr und Rangierarbeiten auf engstem Raum geprägt.Da kommt es auf Eigenschaften an wie eine hohe Wendigkeit des Fahrzeugs, eine kräftige Motorisierung und leichte Schaltbarkeit – um im Verkehr mitschwimmen zu können – und ein komfortables Fahrerhaus mit ausgezeichneten Sichtverhältnissen und guter Einstiegssituation. Vorab muß auch geklärt werden, ob größtmögliches Aufbauvolumen oder höchstmögliche Nutzlast benötigt wird.Diese Punkte wurden bei der Konzeption des Getränke-Verteilerfahrzeugs R94 LB 6x2/4 NA 310 für den Test berücksichtigt. Bei einem Getränkefahrzeug ist die Nutzlast vorrangig. Deshalb fiel die Wahl auf die Fahrgestellklasse „L“. Dazu kam die Achskonfiguration 6x2/4 NA: das ist ein Zwei-Achs-LKW mit einem Radstand von 4,50 m und einer liftbaren, hydraulisch zwangsgelenkten Nachlaufachse. Das verlieh dem Fahrzeug die Wendigkeit eines Zweiachsers mit kurzem Radstand und mit 25,1 t zulässiges Gesamtgewicht knapp das Gesamtgewicht eines Dreiachs-LKW, das bei 26 t liegt.Für den Fahrer gab es das kurze, hohe Nahverkehrshaus CR 14, und für die Ladung wurde der  Köppler-Getränke-Aufbau in den Außenabmessungen 7.670 mm x 2.550 mm x 2.005 mm (Länge x Breite x Höhe) gewählt. Beim Aufklappen der unteren Seitenwand klappt gleichzeitig die obere Hälfte aufs Dach und gibt die gesamte seitliche Aufbaulänge für eine bequeme Staplerbeladung frei. Dazu noch fürs Be- und Entladen vor Ort die Ausstattung mit einer MBB-Ladebordwand.

Für den Antrieb sorgte der 6-Zylinder-Reihendiesel DSC9 13 310. Aus 9 l Hubraum leistet das Aggregat mit Abgasturboaufladung und Ladeluftkühlung 310 PS bei 2.000/min und verfügt über ein maximales Drehmoment von 1.355 Nm bei 1.350/min. Daran gekoppelt ist das Scania-12-Gang-Getriebe GRS 890 mit einer Spreizung von 11,27:1 bis 1,0:1. Zusammen mit der Hinterachsübersetzung von 3,42:1 und den Reifendimensionen 295/80 R 22,5 ergab sich eine Antriebsstrangauslegung auf 107 km/h bei der Motor-Nenndrehzahl von 2.000/min in der höchsten Getriebestufe; bei 80 km/h auf der Autobahn dreht der Motor mit rund 1.500/min.Beim Test zeigte sich der Scania R94 6x2/4 NA 310 als ein kräftiges Verteilerfahrzeug. Immerhin standen bei dem ausgelasteten Gesamtgewicht von 25,1 t ein Leistungsverhältnis von rund 12 PS/t und ein maximales Drehmomentniveau von etwa 54 Nm/t zur Verfügung. Das sorgte in Verbindung mit einem auf die Motorcharakteristik gut abgestimmten Antriebsstrang sowie einer leichtgängigen und exakt geführten Getriebeschaltung für eine ausgezeichnete Fahrbarkeit. Im Bereich um 1.000/min besitzt der Motor noch eine ansprechende Durchzugskraft, so daß sich das Fahrzeug vom Stand weg einfach und mit wenigen Schaltungen auf Tour bringen ließ. In Steigungen zeigte das Aggregat bei etwa 1.300/min seine beste Standfestigkeit.Das R-Nahverkehrshaus von Scania dürfte inzwischen bekannt sein, so daß die erstklassige Fahrerplatz-Ergonomie nicht bis ins Detail besprochen werden muß. Der Fahrer hat hier durch die erhöhte Sitzposition, großflächige Verglasung und üppig dimensionierte Rückblick- und Bordsteinspiegel eine ausgezeichnete Rundsicht und beste Bedingungen für eine vorausschauende Fahrweise. Allerdings gibt es hier praktisch keine urchsteigemöglichkeit zur Beifahrertür, was besonders im Stadteinsatz nachteilig ist. Doch die Einstiegsituation ist überaus bequem und sicher. Hier fielen besonders die aus der Fahrzeugkontur ausklappende erste Trittstufe mit niedriger Antrittshöhe und die automatische Sitzabsenkung bei Ausschalten der Zündung auf. Auffällig ist auch die erfreulich komplette Serienausstattung des Fahrerhauses:

  • in den Sitz integrierte Sicherheitsgurte,
  • Kopfstützen für Fahrer und Beifahrer,
  • elektrisch beheizbare und auf der Beifahrerseite auch elektrisch einstellbare Außenspiegel,
  • elektrische Temperatur-Regelung,
  • manuelle Dachluke,
  • verstellbares Lenkrad,
  • Sonnenblende außen, 
  • Außentemperatur-Anzeige,
  • Tageskilometer-Zähler sowie
  • eine Menge weitere Details.

Bemerkenswert war auch der hohe Fahrkomfort, der sich aus dem Zusammenspiel zwischen der serienmäßigen Vierpunkt-Luftfederung der Kabine, luftgefedertem Fahrerplatz und dem an der Vorderachse parabelgefederten und an den Hinterachsen luftgefederten Fahrwerk ergab. Dazu kam ein für meinen Geschmack vorbildliches Lenkverhalten mit direkt ansprechender Mittelstellung, hohen Rückstellkräften und einer Leichtgängigkeit über den gesamten Bereich.Weiterhin zeichnete sich der Scania R94 6x2/4 NA 310 durch hohe Fahrstabilität, treuen Geradeauslauf und eine Spurrillen-Unempfindlichkeit aus. Auch ein überaus angenehm niedriges Geräuschniveau wurde in der Kabine bemerkt. Die Achskonfiguration 6x2/4 NA mit einer hydraulisch zwangsgelenkten Nachlaufachse verlieh dem Fahrzeug eine enorme Wendigkeit. Da ließen sich die engen Ortsdurchfahrten auf der Verteilerstrecke überaus problemlos meistern. Doch die Vorteile der zwangsgelenkten Nachlaufachse zeigten sich erst so richtig bei den extra eingelegten Rangierübungen mit Vor- und Rückwärtsfahrt. Hier wurde in der Tat eine Wendigkeit wie mit einem Zweiachser in kurzer Radstandsaufführung erreicht.In puncto Wirtschaftlichkeit besitzt auch der Kraftstoffverbrauch einen hohen Stellenwert. Hier wurde für das Testfahrzeug ein Gesamtergebnis (Einzelergebnisse siehe Kasten) mit einem Durchschnittsverbrauch von 27,6 l/100 km und einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 62,2 km/h errechnet. Für die extrem schwierige Verteiler-Teststrecke durch die Eifel mit 25,1 t Gesamtgewicht ein recht günstiger Wert. Dabei darf nicht vergessen werden, daß hier ständig voll ausgelastet gefahren wurde. Doch dafür wurden auch keine Be- und Entlade-Stopps eingelegt.Der leere Testwagen brachte ohne Fahrer mit vollem 350-l-Tank rund 10.300 kg auf die Waage, das ergibt eine Nutzlast von etwa 14,8 t. Auf den Gesamtverbrauch umgerechnet, waren je Nutzlast-Tonne rund 1,9 l Dieselkraftstoff nötig, um die Ladung 100 km weit zu transportieren. Im Vergleich zum PKW, wo das 3-l-Auto noch immer ein Wunschtraum ist, ein überaus wirtschaftlicher Wert.Das zeigt gleichzeitig den hohen Produktivitätsfaktor des Fahrzeugs. Da besitzen auch die schon angesprochenen günstigen Faktoren wie Einstiegs- und Fahrerplatz-Situation, Wendigkeit und Aufbau-Handling einen hohen Stellenwert. Hinzu kommt noch, daß in der Fahrzeugauslegung auch der Betrieb mit einer zulässigen Anhängelast von 14,3 t berücksichtigt wurde, womit sich ein Gliederzug von knapp 40 t zusammenstellen läßt. Allerdings dürfte dann der Scania R94 6x2/4 NA 310 mit einem Leistungsverhältnis von 7,8 PS/t und einem maximalen Drehmoment-Niveau von 33,9 Nm/t etwas zu schwach motorisiert sein. Doch es paßt, wenn mit 36 t Gesamtzuggewicht (8,6 PS/t und 37,6 Nm/t) oder in Gebieten mit überwiegend ebener Topographie gefahren wird.Insgesamt zeigte das Testfahrzeug einen maßgeschneiderten Zuschnitt für den Verteilereinsatz. Aus der hohen Ladekapazität des Dreiachsers, die mit der Wendigkeit eines Zweiachsers gepaart ist, ergeben sich für das Solofahrzeug ausgezeichnete Vorraussetzungen sowohl im City- als auch im Überlandeinsatz. Im Zugbetrieb läßt sich das Fahrzeug im regionalen Nahverkehr sowie in der Depot-und Getränkemarkt-Versorgung einsetzen.

Adelbert Schwarz

Bild Reifen

Wendig: die liftbare Nachlaufachse wird bei Vor- und Rückwärtsfahrt hydraulisch zwangsgelenkt.

Bild Einstieg

Günstig: die aus der Fahrzeugkontur ausklappende 1. Trittstufe für eine bequeme Einstiegsituation.

 

 

 


Testverbrauch auf
einen Blick
Autobahn
schwierige Strecke A1
gefahrene km 51,8 km
Durchschnittsverbrauch 32,2 l/100 km
Durchschnittsgeschwindigkeit 75,4 km/h
einfache Strecke A 61
gefahrene km 81,6 km
Durchschnittsverbrauch 19,8 l/100 km
Durchschnittsgeschwindigkeit 77,0 km/h
Autobahn gesamt
gefahrene km 133,4 km
Durchschnittsverbrauch 24,6 l/100 km
Durchschnittsgeschwindigkeit 77,0 km/h
Landstraße
gefahrene km 91,9 km
Durchschnittsverbrauch 31,9 l/100 km
Durchschnittsgeschwindigkeit 54,9 km/h
Testverbrauch gesamt
gefahrene km 225,3 km
Durchschnittsverbrauch 27,6 l/100 km km
Durchschnittsgeschwindigkeit 65,9 km/h
Wetter: sonnig, trockene Fahrbahn, schwacher Wind, +10 bis +13° C