Testbericht Scania P94 Opticruise

Himmlisch komfortabel



Der Scania P94 4x2 230 zeigte sich als komfortables
Verteilerfahrzeug mit Opticruise, Vollluftfederung
und 230 PS Motorleistung.

Eine Technik vom Feinsten zeichnete den Scania P94 beim Verteilertest aus. Mit 230 Euro-3-PS, Vollluftfederung und Opticruise ging es komfortabel über die Autobahn und Landstraßen.



Mühelos gelingt der Aufstieg
in die Kabine über den
verteilergerechten Einstieg.





Stressfreies Fahren im
Verteilereinsatz ist wichtig,
denn der Fahrer ist zusätzlich
an den Entladestellen belastet.




Der Routine-Check ist beim
P94 dank gut zugänglicher
Kontrollpunkte schnell erledigt.

technische Daten: Scania P94 DB4x2LB 230
Maße und Gewichte
Gesamtlänge: 9.800 mm
Gesamtbreite: 2.550 mm
Gesamthöhe: 3.500 mm
Radstand: 5.100 mm
Wendekreisdurchmesser: 9.900 mm
Zulässiges Gesamtgewicht: 18 t
Leergewicht: 9.310 kg
Testfahrzeug gewogen, mit Koffer-Aufbau, Ladebordwand, Hebebühne und 350-l-Tank  
Antriebsstrang
Motor: Scania DC9 01; Euro-3-Motor; flüssigkeitsgekühlter 6-Zylinder-Viertakt-Reihen-Dieselmotor; Abgasturbolader und Ladeluftkühlung; Direkteinspritzung über elektronisch (EDC) geregelte Reihen-Einspritzpumpe; Hubraum: 9,0 l; Leistung: 169 kW/230 PS bei 1.900/min; maximales Drehmoment: 1.100 Nm zwischen 1.100 und 1.200/min
Kupplung: Einscheiben-Membranfeder-Trockenkupplung; selbstnachstellend; Servo-Betätigung
Getriebe: Scania GR 801: 8-Gang-Synchrongetriebe; Viergang-Hauptgetriebe und Rangegruppe; automatisiertes, elektropneumatisches Schaltsystem Opticruise; Übersetzungsverhältnisse: 9,15:1 bis 1:1;
Hinterachse: ADA 1100 mit Achseinsatz R 660: einfach übersetzte Hypoid-Achse; Tragfähigkeit 11,5 t, Übersetzung: 3,42:1; theoretische Auslegung auf 106,3 km/h bei Nenndrehzahl 1.900/min beziehungsweise auf 1.430/min bei 80 km/h in höchster Getriebestufe
Fahrwerk
Federung: starre 7,1-t-Vorderachse AMA 860: Luftfederung, Stoßdämpfer und verstärkter Stabilisator; Hinterachse: Luftfederung, Stoßdämpfer; elektronische Niveauregelung
Lenkung: Hydro-Servolenkung ZF 8098
Betriebsbremse: Zweikreis-Druckluft-Betriebsbremsanlage; EBS mit druckluftbetätigten Rundum-Scheibenbremsen (Sonderausstattung, 2.345 DM); ABS; Stauklappen-Motorbremse;
Hilfs- und Feststellbremse: über Federspeicher-Bremszylinder auf Vorder- und Hinterachse wirkend
Bereifung: 295/80 R 22,5

 

TESTERGEBNIS
Autobahn
gefahrene Kilometer 133,4 km
Durchschnittsverbrauch 20,9 l/100 km
Durchschnittsgeschwindigkeit 82,9 km/h
davon einfache Strecke A 61
gefahrene Kilometer 81,6 km
Durchschnittsverbrauch 15,6 l/100 km
Durchschnittsgeschwindigkeit 82,7 km/h
Landstraße
gefahrene Kilometer 71,4 km
Durchschnittsverbrauch 20,0 l/100 km
Durchschnittsgeschwindigkeit 60,9 km/h
Testverbrauch gesamt
gefahrene Kilometer 204,8 km
Durchschnittsverbrauch 20,6 l/100 km
Durchschnittsgeschwindigkeit 73,6 km/h
Wetter sonnig/bewölkt; leicht windig; A 61: ca. 30 km Regen; +15 bis +17°C

 

 

 

Fahren ohne Stress ist bei der heutigen Verkehrsdichte überaus angebracht. Und wie einfach sich das erreichen lässt, zeigte sich beim Test mit dem Scania P94 DB4x2LB 230. Hier übernahm das Opticruise als elektronischer Beifahrer das Schalten des 8-Gang-Getriebes GR 801, und mit Ausnahme beim Anfahren und Anhalten entfiel auch das Kuppeln. Einfach sagenhaft, wie einfach sich das Testfahrzeug mit Opticruise bewegen ließ.

Seit der Vorstellung im Jahr 1995 ist das vollautomatische Schalt-System Opticruise bei Scania auf dem Siegeszug. Zunächst war das System nur für das Getriebe GRS 900 verfügbar, und weil es ein elektronisches Motor-Management-System (EDC) benötigt, auch nur für die 12- und 14-l-EDC-Motoren. Im Jahre 1998 wurde das Opticruise dann für die neuen 11- und 12-l-EDC-Motoren mit Pumpe-Düse-Technologie eingeführt und steht seitdem sowohl für das 12+2-Gang-Getriebe GRS 900 als auch für das 12-Gang-Getriebe GRS 890 ohne Crawler zur Verfügung. Die neueste Opticruise-Entwicklung wurde jetzt für die Getriebe der völlig neu entwickelten 16-l-V8-Dieseltriebwerke DC 16 mit 480 und 580 PS Leistung vorgestellt, die jetzt auf dem Markt eingeführt werden.

Insgesamt alles Motorleistungen, die hauptsächlich im Fernverkehr zum Einsatz kommen. Hier ist es zwar auch eine feine Sache, ohne Schalten und Kuppeln vorwärts zu kommen, doch vor allem im Verteilerverkehr ist ein automatisiertes Schaltsystem erst so richtig sinnvoll. Und gerade hier, bei den 9-l-Motoren, war Opticruise bislang nicht verfügbar.

Im Vorjahr begann Scania mit der Einführung der Euro-3-Motoren, und auch die 9-l-Motoren wurden mit EDC ausgestattet. Das war der Startschuss für das Scania Opticruise für den Verteilerverkehr. Das System wurde speziell auf diesen Einsatz sowie die 9-l-EDC-Motoren und die Verwendung des serienmäßigen 8-Gang-Rangegetriebes GR 801 programmiert.

Günstige Verbrauchwerte und eine hohe Durchschnittsgeschwindigkeit ließen sich dank Opticruise ohne große Mühe erreichen.

Entsprechend ist die Bestückung des Antriebsstrangs beim Testfahrzeug Scania P94 DB4x2LB 230 ausgefallen. Der 9-l-EDC-Motor DC9 01, leistet als Euro-3-Diesel 230 PS bei 1.900/min und verfügt über ein maximales Drehmoment von 1.100 Nm zwischen 1.100 und 1.200/min. Dazu kam das 8-Gang-Getriebe GR 801 mit dem automatisierten Schaltsystem Opticruise und einer Spreizung von 9,15:1 bis 1:1. Für die Hinterachse wurde eine Übersetzung von 3,42:1 gewählt. In Verbindung mit den Reifendimensionen 295/80 R 22,5 ergab sich eine Antriebsstrang-Auslegung von 1.430/min bei Autobahntempo 80 km/h in der höchsten Getriebestufe.

Auf der Testfahrt mit dem Scania P94 zeigte sich schnell, dass hier eine ausgezeichnete Abstimmung des Antriebsstrangs auf das Solofahrzeug mit einem Test-Gesamtgewicht von rund 18 t gelungen ist. Mit einem Leistungsverhältnis von rund 12,8 PS/t und einem maximalen Drehmoment-Niveau von 61 Nm/t standen eine ordentliche Leistung und Durchzugskraft zur Verfügung.

Das Fahren mit Opticruise ist schon eine feine Sache. Anstelle des sonst üblichen Schalthebels gibt es einen handlichen Wahlmodusschalter. Der Motor wird in Schalterstellung „N“ (neutral) gestartet. Der Fahrer bringt nun den Schalter in Stellung „A“ (Automatik) und tritt nun wie bei einem normalen Schaltgetriebe das Kupplungspedal. Das System legt jetzt den einprogrammierten Anfahrgang ein, die Kupplung kommen lassen und Gas geben. Alle weitere Schaltungen werden jetzt vom Opticruise übernommen, ohne dass das Kupplungspedal betätigt werden muss.

Es ist immer wieder bemerkenswert, wie schnell und fast unmerklich das Opticruise die Getriebestufen nur durch die Drehzahlsynchronisierung zwischen Motor und Getriebe sowie ohne Einsatz der Kupplung einlegt. In gewissen Situationen nimmt das System auch die Motorbremse zur Hilfe, um noch schneller eine Drehzahlangleichung herbeizuführen.

Bei normalem Betrieb gibt es für den Fahrer nichts nachzubessern: da heißt es, einfach schalten lassen und sich ganz entspannt auf den Verkehr konzentrieren. Etwas Nachhilfe braucht das System nur, wenn zum Beispiel auf leicht abfallender Topografie der Rollbetrieb mit niedrigen Motordrehzahlen genutzt oder bei einfachen Steigungen der von der Automatik eingelegte Gang gehalten werden soll. Ein weiterer Fall ist, wenn eine Steigung ansteht, in die der Fahrer vor Beginn mit erhöhter Drehzahl eingestiegen will.

So perfekt Opticruise auch gelungen ist, vorausschauend fahren kann dieses System noch nicht. Deshalb hält der Fahrer alle Fäden in der Hand und der jeweils eingelegte Gang wird auf einem Display im direkten Sichtfeld angezeigt. Er kann selbst im Modus „Automatik“ die Schaltpunkte über Gaspedalstellung sowie Kickdownpunkt und Motorbremsschalter beeinflussen.

Dazu kommt noch ein Kippschalter für die Programmwahl „normal“ oder „Steigung“. Die Normal-Stellung im Automatikbetrieb ist auf einen wirtschaftlichen Fahrzeugeinsatz ausgelegt und das System überspringt auch Gangstufen. Die Stellung Steigung ist für Anstiege über fünf Prozent gedacht und arbeitet mit einem erhöhten Drehzahlniveau. Darüber hinaus erfolgt eine Schnellschaltung ohne Überspringen der Gänge. In der Wahlschalterstellung „Manuell“ erlaubt das System alles – bis auf eine Gangwahl, die zu schädlichen Betriebssituationen führen könnte. Auch hier erfolgt nach Antippen des Wahlschalters nach links oder nach rechts das Herauf- oder Herunterschalten vollautomatisch und ohne Einsatz der Kupplung.

Bei der Vielzahl an Einflussmöglichkeiten kann der Verdacht aufkommen, dass das Fahren mit Opticruise gewöhnungsbedürftig ist. Sicher muss sich der Fahrer erst einmal mit dem Opticruise vertraut machen. Ein Beispiel ist das Einprogrammieren des Anfahrgangs, was sich jedoch einfach bewerkstelligen lässt. Außerdem kann er vor dem Anfahren durch Tippen am Wahlschalter nach links oder rechts schnell einen anderen Gang wählen, wobei der programmierte Anfahrgang gespeichert bleibt.

Doch bis auf gewisse Situationen sollte alles dem Opticruise im Automatik-Modus überlassen werden. Das System passt sich automatisch der Fahrweise an: wird Vollgas gegeben, schaltet Opticruise erst beim festgelegten Drehzahlpunkt, abhängig von der Stellung des Programmschalters normal oder Steigung; wird das Gaspedal unterhalb der Mittelstellung zurückgeführt, schaltet das System entsprechend früher in den nächst höhren Gang. Tritt der Fahrer das Gaspedal bis zum Kickdownpunkt durch, wird auch bei höheren Drehzahlen zurückgeschaltet und jeder Schaltpunkt in den hohen Drehzahlbereich ausgefahren.

Dank eines speziellen Motorbremsprogramms ist auch das Handling des Fahrzeugs auf Talfahrten überaus einfach. Das Programm wird mit einem kurzen Druck auf dem Motorbremsbodenschalter aktiviert. Es schaltet jetzt sofort in einen Gang für hohe Motordrehzahlen und entsprechende Verzögerungsleistung. Hält der Fahrer den Bodenschalter gedrückt, erfolgt auch das Zuschalten der Stauklappenbremse. Das Programm bleibt solange aktiv, bis das Gaspedal betätigt wird. Darüber hinaus sorgten beim Testfahrzeug EBS und Scheibenbremsen an allen Rädern für höchste Sicherheit und eine überaus feine Dosierbarkeit der Bremswirkung mit PKW-artigem Pedalgefühl. Allerdings ist für EBS und Rundumscheibenbremsen ein Aufpreis von 2.345 DM zu zahlen.

Überaus angenehm auf der Autobahn war das Fahren mit dem Tempomat. Hier schaltet das Opticruise in Steigungen automatisch, um die gesetzte Marschgeschwindigkeit zu halten. Der Geschwindigkeitsregler bleibt auch dann aktiv, wenn der Fahrer in der Stellung A und M die Schaltung beeinflusst.

Günstige Verbrauchwerte und eine hohe Durchschnittsgeschwindigkeit ließen sich dank Opticruise ohne große Mühe erreichen.

Doch vor allem auf dem schwierigen Landstraßen-Abschnitt des Verteilertests zeigte das Opticruise, was es wirklich kann. Die teilweise sehr hügelige Topografie, enge Ortsdurchfahrten und der Stadtverkehr wurden vom Opticruise bergauf wie bergab erstklassig bewältigt.

Mit Opticruise kann sich der Fahrer voll dem Verkehrsgeschehen widmen und braucht sich nicht um eine wirtschaftliche Fahrweise kümmern, denn diese Aufgabe übernimmt der Automatik-Modus. Hervorragend schlug sich beim Test auch der 230 PS starke Euro-3-Dieselmotor DC9 01. Er zeigte sich als ein sehr elastisches und durchzugkräftiges 9-l-Aggregat, das beim Solofahrzeug auch eine ordentliche Motorbremsleistung an den Tag legte.

Entsprechend ist auch das Testgesamtergebnis mit einem Durchschnittsverbrauch von 20,6 l/100 km bei einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 73,6 km/h (Einzelheiten siehe Kasten) für den Scania P94 Opticruise ausgefallen: Günstige Verbrauchwerte und eine hohe Durchschnittsgeschwindigkeit, die sich dank Opticruise ohne große Mühe erreichen ließen.

Über den erstklassigen Arbeitsplatz, die günstige Einstiegssituation und die guten Sichtverhältnisse sowie das angenehme Geräuschniveau im niedrigen, kurzen Frontlenker-Fahrerhaus CP 14 wurde ja schon viel berichtet. Ebenso verhält es sich mit den komfortablen Fahreigenschaften und dem ausgezeichneten Lenkverhalten der Scania-Baureihe 4. Doch mit der Vollluftfederung hat Scania noch eins drauf gesetzt: Der Komfort dieses Fahrwerks ist durchaus mit einem Omnibus vergleichbar. Selbst kurze, harte Fahrbahnstöße wurden in kaum spürbarer Art genommen. Dazu wurde das Fahrwerk auf eine hohe Fahrstabilität und geringe Wankneigungen getrimmt.

So lassen sich für den Scania P94 im Verteilereinsatz Bestnoten vergeben. Hier gibt es jedoch einen gewissen Abzug wegen der etwas eingeschränkten Platzverhältnisse für den Fahrer und den nur bedingt möglichen Überstieg zur Beifahrertür sowie den nicht voll versenkbaren Seitenscheiben, was vor allem an der Fahrertür beim Rangieren nachteilig ist.

Der Testwagen ist vom Basisfahrgestell P94 DB4x2NA 220 mit Fahrerhaus CP 14 abgeleitet, das in der Netto-Preisliste mit 168.430 DM steht. So kommt beim Testfahrzeug P94 DB4x2LB 230 noch eine Sonderausstattungsliste von rund 45.250 DM hinzu, woraus sich ein Netto-Gesamtpreis von 213.680 DM ohne Aufbau und Ladebordwand ergibt. Die größten Aufpreis-Posten sind hier 9.080 DM für den Euro-3-Motor Scania DC9 01; 7.315 DM für den niedrigen Rahmen (L-Version); 4.685 DM für die Vollluftfederung und 4.570 DM für das Opticruise.

Auf jeden Fall dürfte der Aufpreis für die schadstoffarme Euro-3-Motorisierung spätestens beim Wiederverkauf hereinzuholen sein. Die Ausgabe für das Opticruise amortisiert sich schon beim Fahrzeugeinsatz: Der Fahrer bleibt im Verteilereinsatz konditionssicher und die volle Konzentration auf das Verkehrsgeschehen mindert zusätzlich die Gefahr von Unfällen.

Dazu kommt noch der Wirtschaftlichkeitsfaktor: Das Opticruise ermöglicht vor allem im Verteilerverkehr eine Erhöhung der Durchschnittsgeschwindigkeit bei vermindertem Kraftstoffverbrauch. Der Antriebsstrang wird geschont und vor Fehlbedienungen geschützt. Ein weiterer Vorteil ist, dass die Kupplung nur noch zum Anfahren und Anhalten zum Einsatz kommt, weil der Wechsel der Getriebestufen während der Fahrt ohne Kupplungsbetätigung funktioniert. Das bringt erheblich verlängerte Standzeiten der Kupplungsbeläge. Außerdem sorgt das Motorbremsprogramm für eine effektive Verzögerung, was zu einem geringeren Verschleiß an den Radbremsen führt.

Adelbert Schwarz