Testbericht Volvo FL 612/220

Hohe Nutzlast, sparsam im Verbrauch: der komfortable Verteiler-LKW Volvo FL 612/220 4x2

Auf Nutzlast getrimmt

Der Volvo FL 612/220 zeichnete sich beim Verteilertest durch ein günstiges Nutzlastverhältnis und sparsame Verbrauchswerte aus. Ein idealer Einstieg für die neue Mittelklasse FL von Volvo.


Die Bordelektronik prüft alle wichtigen Systemfunktionen, doch auch beim manuellen Wartungsscheck ist alles gut zugänglich.











Die Bordelektronik prüft alle wichtigen Systemfunktionen, doch auch beim manuellen Wartungsscheck ist alles gut zugänglich.














Das einfache Handling und die starke Motorisierung des FL 612/220 sorgen für eine hohe Produktivität im Verteilereinsatz.










Das Frontdesign wurde auf Basis der FL6-Vorgänger-Kabinen sehr geschickt aufgefrischt und auch aus aerodynamischer Sicht verbessert.








Das neue Kabinen-Interieur mit dem übersichtlich und elegant gestalteten Armaturenbrett hat die Wohlfühlatmosphäre erhöht.














Die Hightech-Bordelektronik via CAN-Datenbus besitzt eine Schnittstelle für die Kommunikationstechnik Volvo Dynafleet.












Die neu entwickelte Luftfederung hinten und Rundumscheibenbremsen sorgen für erstklassigen Fahrkomfort und hohe Sicherheit.


Im Frühjahr hob Volvo die neue Mittelklasse-Familie FL in vier verschiedenen Gewichtsklassen von 7,5 bis 12,0 t, von 12 bis 15 t, von 16 bis 19 t sowie als 6x4-Fahrzeug mit zwei angetriebenen Achsen und 26 t Gesamtgewicht aus der Taufe. Allerdings steht die Mittelklasse-FL in Deutschland erst ab 11 t Gesamtgewicht zur Verfügung. In der Gewichtsklasse von 10 bis 7,5 t hat sich die Volvo Trucks (Deutschland) GmbH in Dietzenbach auf eine Programmlücke eingelassen. Dafür wird in der Gewichtsklasse von 3,5 t bis 7,5 t Gesamtgewicht der Mitsubishi Canter in das deutsche Vertriebsprogramm aufgenommen. Der Plan ist bereits in trockenen Tüchern und soll auf der IAA vorgestellt werden.

Die Strategie von Volvo Truck Deutschland ist es, jetzt mit nutzlastorientierten Mittelklassefahrzeugen aus der FL-Generation die FM-Serie zu ergänzen. Die FL-Fahrzeuge ab 11 t Gesamtgewicht werden mit einer großen Zahl an verschiedenen Modellen und Versionen alle Transportbedürfnisse bis 26 t Gesamtgewicht erfüllen, wo der Leistungsbedarf 250 PS nicht übersteigt.

Als erster Vertreter dieser neuen Mittelklasse-Strategie ist das Testfahrzeug FL612/220 4x2 angetreten. Damit hat Volvo ein leistungsstarkes Verteilerfahrzeug mit ausgezeichnetem Nutzlastverhältnis auf die Beine gestellt. Das Testfahrtzeug mit komfortabel und klimatisierten langem Fahrerhaus sowie vollem 200-l-Tank, Kofferaufbau und Ladebordwand brachte ein Leergewicht ohne Fahrer von rund 6.420 kg auf die Waage. Daraus ergibt sich bei 12 t Gesamtgewicht eine Nutzlast von 5.580 kg oder rund 5,5 t. So richtig Sinn macht dieses Fahrzeug natürlich erst mit einer Zulassung auf 11,99 t, wie beim Testfahrzeug, womit sich dann in Deutschland die Autobahngebühren einsparen lassen. In diesem Fall beträgt der Nutzlastfaktor im Verhältnis zum Leergwicht noch gut 1:1,87. So ging es mit einem Testgewicht von rund 11,9 t auf Tour.

Für Power sorgte der weiterentwickelte Volvo-Motor D6B mit einem Hubraum von 5,5 l, Abgasturbolader und Ladeluftkühlung sowie elektronisch geregelter Direkteinspritzung (EDC) über eine Verteiler-Einspritzpumpe. Den EDC-Motor gibt es in Deutschland serienmäßig in Euro-3-Ausführung. Der Kunde kann sich jedoch preisneutral für die Euro-2-Version entscheiden.

Die Motorenbaureihe D6B gibt es in drei Leistungsversionen:

  • D6B-180 mit 180 PS/132 kW und einem maximalen Drehmoment von 575 Nm;
  • D6B-220 mit 220 PS/162 kW und einem maximalen Drehmoment von 700 Nm und
  • D6B-250 mit 250 PS/185 kW und einem maximalen Drehmoment von 825 Nm (Nennleistung bei jeweils 2.400/min und maximales Drehmoment jeweils zwischen 1.400 und 1.800/min).

Das Testfahrzeug FL 612/220 war, wie schon aus der Typbezeichnung hervorgeht, mit dem 220 PS starken D6B-Motor bestückt. Klar, dass hier auch die Euro-3-Version eingebaut wurde. Das bedeutete bei einem Testgewicht von 11,9 t ein Leistungsverhältnis von 18,5 PS/t und ein maximales Drehmomentniveau von 58,8 Nm/t. Die Auslegung des Antriebsstrangs zeigte sich beim Test mit dem Einsatz des Volvo 6-Gang-Getriebes T700B (Spreizung vom 1. bis 6. Gang: 7,54:1 bis 1:1) und einer gewählten Hinterachsübersetzung von 3.31:1 sehr gut auf die Motorcharakteristik abgestimmt.

Vom Stand weg ließ sich der leistungsstarke Volvo FL 612/220 mühelos und mit wenigen Schaltvorgängen auf Touren bringen. Mit einer Antriebsstrang-Auslegung auf 1.668/min bei Autobahntempo 80 km/h drehte der Motor ziemlich sparsam mit guten Zugkraftreserven. Bemerkenswert leise, fast wie bei den LKW mit großvolumigen Motoren, war das Geräuschniveau in der Kabine. Doch auf dem Landstraßenabschnitt zeigte es sich schon, dass hier ein 6-Zylinder-Reihendiesel mit nur 5,5 l Hubraum arbeitet. Dieser Motor, der selbst bis etwa 1.100/min noch nicht zusammenbricht, braucht einfach Umdrehungszahlen über 1.300/min, wenn er sich nicht quälen soll. Das ist schnell am unkomfortablen Zuckeln unter Teillast zu erkennen. Der wirtschaftliche Drehzahlbereich bewegt sich bei Vollast in einer Bandbreite zwischen 1.500 und 2.200/min. Bei dem hohen Leistungsverhältnis ging der Volvo FL 612/220 als Solist ziemlich flott mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 74,1 km/h über die Teststrecke. Und das in der Euro-3-Version auch recht sparsam mit einem Durchschnittsverbrauch von 16.4 l/100 km (Einzelergebnisse siehe Kasten).

Der Volvo FL bietet als Verteilerfahrzeug ein gefälliges Antlitz. Die Ingenieure haben das Frontdesign auf Basis der FL6-Vorgänger-Kabinen (das kurze Standard- und das lange Fahrerhaus mit fester Liege) sehr geschickt aufgefrischt und auch aus aerodynamischer Sicht verbessert.

Sehr viel wurde in die Technik der FL-Baureihe investiert: weiterentwickelter EDC-Motor D6B mit einem Hubraum von 5,5 l; druckluftbetätigte Rundumscheibenbremsen mit einer aus den schweren Baureihen vergleichbaren Technik (massive Bremsscheiben) und vor allem die völlig neu entwickelte Zwei-Balg-Luftfederung für die FL-Typen. Sie bringt bei verbesserter Funktion eine recht hohe Gewichtsersparnis. Die elektronische Niveauregulierung ermöglicht nicht nur einen größeren Höhenausgleich, sondern auch nützliche Zusatzfunktionen wie eine Höhenregulierung per verkabelter Fernsteuerung. Die Summe aller gewichtsreduzierender Maßnahmen einschließlich des neuen und aufbaufreundlichen Rahmen-Layouts brachte gegenüber einem vergleichbaren Vorgängermodell Nutzlastvorteile, die je nach Typ und Spezifikation zwischen 100 und 300 kg liegen.

Der gegenüber dem Vorgänger auf 52 Grad erweiterte Einschlagwinkel des kurveninneren Rades verleihen dem Volvo FL eine sehr gute Wendigkeit. Vor allem beim Rangieren sind auch die Bordsteinfenster in den Türen und die großzügig dimensionierten Außenspiegel vorteilhaft. Überhaupt zeigte sich der Volvo FL 612/220 als ein sehr agiles Verteilerfahrzeug mit großer Fahrharmonie und einem überaus einfachen Handling, bei dem sogar etwas Fahrspaß aufkam. Eine komfortable Fahrwerksabstimmung, eine leichtgängige Lenkung mit fast perfektem Lenkverhalten sowie ein guter Geradeauslauf und eine hohe Fahrstabilität rundeten die Fahreindrücke in idealer Weise ab. Weitere Pluspunkte waren die überaus exakt und feinfühlig ansprechende Betriebsbremse und eine gute Verzögerungsleistung der Motorbremse ab 2.000/min.

Was kritikfähig auffiel, war die umständliche Bedienung der Motorbremse über einen Schalter am Armaturenbrett. Allerdings kann der Fahrer die Motorbremse eingeschaltet lassen, die dann automatisch funktioniert, sobald er den Fuß vom Gaspedal nimmt.

Nach meinem Empfinden waren auch der Überstieg zur Beifahrerseite recht beschwerlich und die Antrittshöhe der ersten Trittstufe – zumindest bei der 19,5er-Bereifung des Testfahrzeugs – ziemlich hoch angesetzt. Insgesamt war jedoch die Einstiegssituation recht gut auf den Verteilerverkehr mit häufigem Ein- und Aussteigen abgestimmt, weil der niedrig platzierte Kabinenboden von der ersten Trittstufe aus mühelos erreicht wurde.

In der FL-Kabine ist der Fahrer sehr gut aufgehoben. Vor allem die lange Kabine des Testfahrzeugs bietet für den Verteilereinsatz einen überdurchschnittlich hohen Komfort. Das neue Kabinen-Interieur mit gut platzierten Ablagen, geräumigen Staufächern und weiteren praktischen Details hat die Wohlfühlatmosphäre deutlich angehoben.

Zu den Neuheiten beim FL zählt auch die übersichtlich und elegant gelungene Armaturentafel sowie die einstellbare Lenksäule mit einem bemerkenswert einfachen Handling, das von den aktuellen Serien übernommen wurde. Da reicht jetzt ein Tritt auf einem Fußpedal, und schon lässt sich das Lenkrad mühelos in Position bringen. 3-Punkt-Automatik-Sicherheitsgurte mit höhenverstellbaren oberen Fixpunkten an der B-Säule sowie der SRS-Fahrer-Airbag und die Klimaanlage aus dem Sonderausstattungsprogramm setzen weitere Zeichen beim Thema Komfort und Sicherheit für Verteilerfahrzeuge.

Nicht nur Nutzlast-, Komfort- und Handlingsvorteile hat die neue FL-Familie im Vergleich zur Vorgängerbaureihe zu bieten – sie wartet auch mit Hightech in der Bordelektronik auf und hat so den Anschluss an die schwere Baureihe FH und die schwere Mittelklasse FM gefunden: Via Datenbus-Technik werden alle wichtigen Funktionen wie Tempomat, ABS, Kühllüfter, Leerlaufdrehzahl und Wegfahrsperre sowie der Einsatz von Nebenantrieben gesteuert und geregelt.

Die elektronische Überwachung, Steuerung und Diagnose aller wichtigen Systemfunktionen an Bord erhöht deutlich die Verfügbarkeit und Zuverlässigkeit des Fahrzeugs. So ist in Verbindung mit dauergeschmierten wartungsfreien Gelenkwellen und Mittellagern eine abgesicherte Verlängerung der Wartungsintervalle mit zwei jährlichen Servicestopps nach jeweils 40.000 km mit Motoröl- und Filterwechsel möglich.

Bei der Diagnose-Elektronik kommt noch eine Schnittstelle zur Kommunikationselektronik hinzu. So lässt sich ohne großen Auwand Volvo „Dynafleet“ für die Kommunikation zwischen Fahrzeug und Zentrale einsetzen. Das ermöglicht eine Erhöhung der Produktivität durch eine zentrale Überwachung der Fahrerparameter und Fahrzeugfunktionen.

Das Standardfahrgestell FL 612 4x2 steht mit einem Betrag von 80.625 DM in der Preisliste. Für das Testfahrzeug Volvo FL 612/220 ergibt sich ohne Aufbau ein Listenpreis von 97.176 DM, worin die Aufpreise für den stärkeren Motor D6B-220 von 5.648 DM, das lange Fahrerhaus mit einer Liege von 2.703 DM, die Luftfederung für die Hinterachse von 3.912 DM, die elektropneumatische Niveauregulierung von 1.234 DM und der Preis für die integrierte, manuell geregelte Klimaanlage enthalten sind. Dazu kommen noch elektrische Fensterheber, Zentralverriegelung und der 200-l-Tank (Reichweite bei einem Testverbrauch von 16,4 l/100 km von rund 1.220 km) für insgesamt 1.196 DM.

Alles zusammengenommen hat Volvo mit der neuen FL-Familie, wie sich beim Verteilertest mit dem FL 612/220 zeigte, jetzt eine zugkräftige Trumpfkarte für die Mittelklasse in der Hand. Förderlich dürfte auch das ausgewogene Preis-Leistungsverhältnis für das serienmäßig erfreulich komplett ausgestatte Fahrzeug sein (zum Beispiel: Euro 3, ABS, luftgefederter Fahrersitz sowie Differenzial- und Weggfahrsperre).

TESTERGEBNIS
Autobahn
gefahrene Kilometer 133,4 km
Durchschnittsverbrauch 16,7 l/100 km
Durchschnittsgeschwindigkeit 84,8 km/h
davon einfache Strecke A 61
gefahrene Kilometer 81,6 km
Durchschnittsverbrauch 13,7 l/100 km
Durchschnittsgeschwindigkeit 84,8 km/h
Landstraße
gefahrene Kilometer 71,4 km
Durchschnittsverbrauch 16,0 l/100 km
Durchschnittsgeschwindigkeit 60,0 km/h
Testverbrauch gesamt
gefahrene Kilometer 204,8 km
Durchschnittsverbrauch 16,4 l/100 km
Durchschnittsgeschwindigkeit 74,1 km/h
Wetter sonnig/bewölkt; windig; +12 bis +20°C

technische Daten: Scania P94 DB4x2LB 230
Maße und Gewichte
Gesamtlänge: 8.286 mm
Gesamtbreite: 2.490 mm
Gesamthöhe: 2.945 mm
(Fahrerhausdach) 2.544 mm
Radstand: 4300 mm
Wendekreisdurchmesser: 16.211 mm
Zulässige Achslast vorn 4.700 kg
Zulässige Achslast hinten 7.800 kg
Zulässiges Gesamtgewicht: 11.990 kg
Leergewicht
Testfahrzeug ohne Fahrer und bei vollem 200-l-Tank
6.420 kg
Antriebsstrang
Motor: Volvo D6B-220: Euro-3-Motor; flüssigkeitsgekühlter 6-Zylinder-Viertakt-Dieselmotor mit Abgasturbolader und Ladeluftkühlung; Direkteinspritzung: elektronisch geregelte Verteiler-Einspritzpumpe; Bohrung/Hub: 98,43/120 mm; Hubraum: 5,5 l; Leistung: 220 PS (162 kW) bei 2.400/min; maximales Drehmoment: 700 Nm zwischen 1.400 und 1.800/min
Kupplung: Einscheiben-Trockenkupplung; Servo-Betätigung; selbstnachstellend
Getriebe: Volvo T700B: synchronisiertes 6-Gang-Schaltgetriebe; Übersetzungsverhältnisse von 7,54:1 bis 1:1; Rückwärtsgang: 6,74:1 Antriebs-Hinterachse: Volvo RS0818SV; einfach übersetzte Hypoidachse mit Differentialsperre; Übersetzung 3.31:1; Gesamtauslegung: 115,1 km/h bei 2.400/min in höchster Getriebestufe, oder 1.668/min bei 80 km/h
Fahrwerk
Federung: Vorderachse: 1-Blatt-Parabelfederung, Stoßdämpfer, Stabilisator; Hinterachse: 2-Balg-Luftfederung, elektronische Niveauregelung mit Hebe- und Senkeinrichtung, Stoßdämpfer, Stabilisator
Bremsen: 2-Kreis-Druckluft-Betriebsbremsanlage mit ALB an der Hinterachse; druckluftbetätigte Rundum-Scheibenbremsen; ABS; Stauklappen-Motorbremse; Hilfs- und Feststellbremse: über Federspeicher-Bremszylinder auf Hinterräder wirkend
Reifen: 265/70 R 19,5 Continental; vorn HSR, hinten HDR


Adelbert Schwarz