Test Volvo FH16/520

Bild Volvo FH 16/520

Effiziente Schweden-Power

Bemerkenswert sparsam absolvierte der Volvo FH 16/520 die Testrunde in der Königsklasse über 500 PS Motorleistung. Doch der Schweden-King zeigte nicht nur ein effektives Muskelspiel, sondern verwöhnte auch mit überdurchschnittlichem Fahrkomfort.
 

Ob Motorleistungen über 500 PS im internationalen Fernverkehr sinnvoll sind oder nicht, darüber wurde genügend philosophiert. Auch wenn das Zuggesamtgewicht von 44 t, das in der EU im Gespräch ist, kommen sollte, dürften Leistungen im Bereich zwischen 400 und 500 PS mehr als genügen. Trotzdem hat sich die Königsklasse eine treue Klientel erobert. Zwei Gründe sind zum Beispiel die hohen Transportleistungen, die auf der Autobahn praktisch ohne Schaltarbeit zu erreichen sind, und die lange Lebensdauer der großvolumigen Motoren, die mit niedrigen Drehzahlen betrieben werden. Über diese Tugenden verfügte auch der Volvo FH 16/520 Globetrotter XL 4x2, der zum Test antrat. Auf der Habenseite seines Kontos standen eine Motorleistung von 520 PS bei 1.800/min und ein maximales Drehmoment von immerhin 2.400 Nm bei 1.000/min. Diese Daten liefert der 6-Zylinder-Reihendiesel D 16 A 520 mit Abgasturbolader und Ladeluftkühlung sowie einem Hubraum von 16 l. Damit trat der Volvo FH 16/520 bei seiner Erstvorstellung im Jahre 1993 als stärkster Straßen-LKW Europas auf.
Wie schnellebig die Zeiten sind, zeigt sich vor allem bei der aktuellen Hitliste der Königsklasse, die inzwischen von MAN mit dem 19.603 angeführt wird. Dieses Fahrzeug verfügt über eine Motorleistung von satten 600 PS. An Volvo vorbeizogen sind zum Beispiel auch Daimler-Benz mit dem 570 PS starken Actros 1857 und Renault mit dem 560 PS starken Magnum.
So gesehen sind die Leistungsdaten des Volvo FH 16/520 nicht mehr ganz so imposant. Doch immerhin ergaben sich bei dem auf 40 t Gesamtgewicht ausgelasteten Test-Sattelzug ein Leistungsverhältnis von 13 PS/t und ein maximales Drehmomentniveau von 60 Nm/t.
Der FH 16/520 ist eigentlich ein alter Bekannter, denn er wurde von mir bereits Ende 1996 getestet, allerdings noch auf der alten Teststrecke. Diese Route wurde Anfang 1997 durch eine neue Strecke abgelöst, die zusammen mit der Testredaktion "Der Berufskraftfahrer" festgelegt wurde. Seit diesem Zeitpunkt führt der Autobahn-Test vom Kreuz Köln West auf der A4 und der A3 bis zum Frankfurter Kreuz und zurück.
Deshalb machte es durchaus Sinn, den Muskelprotz nochmals antreten zu lassen. Und, wie schon beim ersten Test, glänzte der Volvo FH 16/520 durch ein effektives Muskelspiel. Dafür spricht ein Gesamtergebnis mit einem Durchschnittsverbrauch von 35,0 l/100 km und einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 74,7 km/h (Einzelergebnisse siehe Kasten) - ein für die Königsklasse respektables Ergebnis.
Beim Test auf der alten Strecke kam der Volvo FH 16/520 - bei jedoch günstigeren Witterungsbedingungen - auf ein Gesamt ergebnis von 30,8 l/100 km bei 70,5 km/h. Damit konnte er seiner zeit den Titel des Sparmeisters erringen. Nicht anders ist das genannte Gesamtergebnis auf der neuen Strecke zu werten, die weitaus schwieriger ist. Das zeigt sich schon beim Verbrauch auf der Autobahn, wo der Volvo FH 16/520 mit 34,1 l/100 km gegenüber 27,3 l/100 km auf der alten Strecke abschnitt. Da fehlen eben die 81,6 km einfache Autobahn, wo der FH 16/520 seinerzeit einen Verbrauch von 18,6 l/100 km erzielte. Nicht zu vergessen ist auch die ungünstigere Witterung beim letzten Test auf der neuen Strecke.
Nun, bei einem Leistungsverhältnis von 13 PS/t und einem maximalen Drehmomentniveau von 60 Nm/t bedarf es eigentlich kein Worte, um die überlegender Leistungsreserve und die enorme Durchzugskraft des Fahrzeugs zu beschreiben. Sehr interessant ist hier vielmehr die Philosophie der Schweden, ihre Fernverkehrsfahrzeuge mit nur 12 Fahrgängen aus zustatten, wo doch das Gros der europäischen Hersteller auf 16-Gang-Getriebe eingeschworen ist.
So war beim FH 16/520 das synchronisierte Volvo-Getriebe SR 2400 an das Kraftwerk gekoppelt. Bei den 12 Fahrgängen reichten die Übersetzungsverhältnisse von 10,07:1 bis 1:1. Zusammen mit einer Hinterachsübersetzung von 2,79:1 und den Reifendimensionen von 315/80 R 22,5 ergab sich rechnerisch eine Antriebsstrang auslegung von rund 130,9 km/h in der höchsten Gangstufe bei der Motor-Nenndrehzahl von 1.800/min - oder bei Autobahntempo 80 km/h eine Motordrehzahl von etwa 1.100/min.
Diese Auslegung des Antriebsstrangs paßte haargenau zum 520 PS starken Muskelspiel des Antriebsaggregats. Es verfügt dank Vier-Ventil-Technik (je zwei Ein- und Auslaßventile pro Zylinder) und elektronisch geregelter Einspritzpumpe über einen mächtig langen Atem, der sich in dem maximalen Drehmoment von 2.400 Nm bei 1.000/min widerspiegelt. Dem Fahrer steht mit dem elastischen Triebwerk noch bis 800/min einiges an Durchzugskraft zur Verfügung, und bei 900/min liegen bereits 94 Prozent des maximalen Drehmoments an.
Bemerkenswert ist noch das Dreigang-Schaltbild, mit dem die 12 Fahrgänge des Schweden-Getriebes aufgeteilt sind. Es ist anfangs etwas gewöhnungsbedürftig, weil es sich wesentlich von den üblichen H- und Doppel-H-Anordnungen unterscheidet. Doch das ist nur von kurzer Dauer. Und dann - so erging es zumindest mir - wird diese Anordnung der Schaltgassen als über aus vorteilhaft gesehen. So ließ sich der FH 16/520 einfach und mit wenigen Schaltvorgängen vom Stand weg auf Marsch geschwindigkeit bringen. Bei einer Motorleistung von 520 PS reichten die 12 Getriebestufen allemal aus. Da gab es keinerlei Schwierigkeiten, den Motor im verbrauchsgünstigsten Bereich zu betreiben, der übrigens bei Vollast zwischen 1.000 und 1.600/min liegt.
Bei dem hohen Drehmomentniveau und dem reichlichen Leistungsüberschuß kommt es selten vor, daß der Fahrer den Motor mit 1.600/min betreiben muß. Selbst die markante Steigung zum Rasthof Ferntal auf der A 3 von Köln nach Frankfurt wurde im 5. Gang klein mit 1.500/min und 59 km/h genommen. Für die anderen langgezogenen Anstiege in der Größenordnung von fünf Prozent reichte der 6. Gang klein oder der 5. Gang groß, um mit Drehzahlen zwischen 1.100 und 1.300/min sowie Geschwindigkeiten zwischen 58 und 63 km/h weiter nach oben zu ziehen. Entsprechend niedrig lag auch das Drehzahlniveau auf der sehr anspruchvollen Mischstrecke.




(von oben nach unten:)

  • Gute Zugänglichkeit  für den täglichen Routine-Check 
  • Bequemer und sicherer Aufstieg  dank gut gestufter Tritte und entsprechend plazierter Haltegriffen
  • Etwas knapp, doch noch ausreichend ist der Klapptritt für die Scheibenreinigung geraten.


Elegant und übersichtlich ist der Arbeitsplatz gestaltet
Die Sitzeinstellung erfolgt schnell und problemlos per Knopfdruck über Servokräfte
 


Insgesamt überzeugte das harmonische wie effektive Muskelspiel, mit dem sich der Volvo FH 16/520 über die Teststrecke bewegen ließ. Da blieb reichlich Zeit für souveräne Entscheidungen - gerade die richtige Konzeption für ein zügiges und entspanntes Fahren, bei voller Konzentration auf das Verkehrsgeschehen. Von dieser Seite aus betrachtet, ist der Leistungsüberschuß des Triebwerks schon eine sinnvolle Tatsache und vor allem auch ein Komfortgewinn.
Beim Thema Komfort hat der Volvo FH 16/520 mit der Globetrotter-XL-Kabine noch einiges mehr als nur ein harmonisches Muskelspiel zu bieten. Gegenüber der normalen Globetrotter-Kabine ist das Dach bei der XL-Ausführung nochmals um 170 mm nach oben gezogen. Das bedeutet eine Stehhöhe von rund 2,10 m vom Fußboden aus und von etwa 1,93 m zwischen Motortunnel und Dach. Dazu gibt es
- eine Staufachkonsole über den Schlafliegenplatz,
- eine zusätzliche Ablageleiste über dem Radio- und Staufachbereich,
- ein großzügiges abschließbares Stau-Schubfach unterhalb der unteren Liege und
- links und rechts jeweils ein weiteres, auch von außen zugängliches Groß-Staufach.
Passend zur Königsklasse ist auch das elegant geschwungene Armaturenbrett mit Elementen in Wurzelholz-Design gelungen. Es strahlt nicht nur Exklusivität aus, sondern ist auch übersichtlich instrumentiert, und alle Bedienschalter sind leicht erreichbar angeordnet. Im vorgezogenen Mittelteil des Armaturenbretts gibt es einen ausziehbaren Halter für Getränkedosen oder Flaschen mit bequemem Zugriff für Fahrer und Beifahrer und ein herausziehbares Schreibbrett im Din-A-4-Format, das sich als Schreibunterlage auf das Lenkrad stecken läßt. Griffige Stoff- und Kunststoffmaterialien und eine dezente Farbwahl sorgen für ein überaus ansprechendes Design und eine Wohlfühl-Atmosphäre in der erfreulich komplett ausgestatteten Kabine.
Neben den in die Sitze integrierten Dreipunkt-Automatik-Sicherheitsgurten mit Gurtstraffer-System bieten die Schweden als einer der ersten LKW-Hersteller einen Fahrer-Airbag an. Eine Besonderheit ist auch der Beifahrersitz: Er zeichnet sich durch einen guten Sitzkomfort aus, läßt sich raumsparend zusammenklappen und weit nach vorn zum Armaturenbrett hin verschieben. Dadurch ergibt sich eine bequeme Stehfläche zum Umkleiden.
Ausgezeichnet sind die Sichtverhältnisse aus der Kabine heraus sowie der Blickwinkel in die großdimensionierten Rückblickspiegel. Überaus einfach gelingt das Einstellen einer ergonomischen Sitzposition, und das Einstellen von Höhe und Neigung des Lenkrades ist eine Sekundensache: Die Verriegelung läßt sich über ein Fußpedal aufheben.
Exzellent zeigte sich das Fahrverhalten des Volvo FH 16/520 beim Test. Das Fahrwerk ist komfortabel abgestimmt und besitzt außerdem eine hohe Fahrstabilität. Weitere Pluspunkte sind ein treuer Geradeauslauf und ein Lenkverhalten, wie ich es mir wünsche: ein geringer Kraftaufwand über den gesamten Lenkeinschlag, ziemlich direktes Ansprechen aus der gut gedämpften Lenkmittelstellung und hohe Rückstellkräfte, die die Mittelstellung klar definieren.
Abgerundet wird das Ganze durch ein vornehmes Geflüster, das noch vom Motor zum Fahrerohr dringt. Nur bei betätigter Motorbremse - sie sorgt übrigens in der zweiten Stufe mit einer Leistung von 368 PS bei 2.100/min für eine sichere Talfahrt - dringt das Triebwerk mit angenehmer Baßstimme etwas dominanter durch. So kam die Betriebsbremse nur in langgezogenen Intervallen auf Autobahngefällen und vor Kurven auf Landstraßen zum Einsatz. Sie arbeitet übrigens absolut gleichmäßig, reagierte aber empfindlich, was eine gefühlvolle Dosierung erforderte.
Zur Frage, was man besser machen könnte, fällt mir im Moment nur die Betätigung der Motorbremse ein. Die zweistufige Regelung der Motorbremsleistung, womit sich eine bedarfsgerechte Wirkung einstellen läßt, ist erstmal eine gute Idee. Ich finde jedoch die Anordnung des Zwei-Stufenschalters im Armaturenbrett nicht ideal - besser wäre hier ein zusätzlicher Bedienhebel an der Lenksäule. Die jeweilige Stufe läßt sich allerdings vorwählen und setzt automatisch ein, sobald das Fahr- und Kupplungspedal nicht in Gebrauch sind.
Insgesamt hat der FH 16/520 den Test mit beeindruckend guten Noten absolviert. Und der Kundenkreis für den PS-Riesen vergrößert sich ständig. Im ersten Jahr 1993 waren es ganze 16 Fahrzeuge, die auf dem deutschen Markt einen Abnehmer fanden. Dagegen war das Jahr 1997 bisher das beste Jahr, in dem sich 169 Kunden für den FH 16/520 entschieden. Das bedeutet im Verhältnis zu den 2.620 FH-12-Fahrzeugen, die Volvo im Vorjahr auslieferte, einen Anteil von rund sechs Prozent am Gesamtabsatz der FH-Baureihe auf dem deutschen Markt. Von 1993 bis Ende 1997 wurden bei uns insgesamt 559 FH-16-Modelle abgesetzt.   

Adelbert Schwarz

Reichlich Staufächer in der Kabine sowie auch jeweils links und rechts von außen zugängliche Großstaufächer unter der unteren Liege bietet das Globetrotter-XL-Fahrerhaus.

Testverbrauch auf
einen Blick
Autobahn
gefahrene km 377,0 km
Durchschnittsverbrauch 34,11 l/100 km
Durchschnittsgeschwindigkeit 73,3 km/h
davon: einfache Strecke A 4
gefahrene km 34,2 km
Durchschnittsverbrauch 23,1 l/100 km
Durchschnittsgeschwindigkeit 79,5 km/h
Mischstrecke
gefahrene km 70,4 km
Durchschnittsverbrauch 23,1 l/100 km
Durchschnittsgeschwindigkeit 79,5 km/h
davon: Bergwertung, Steigung 8 Prozent
gefahrene km 3,1 km
Durchschnittsverbrauch 159,1 l/100 km
Durchschnittsgeschwindigkeit 46,3 km/h
Testverbrauch gesamt
gefahrene km 447,4 km
Durchschnittsverbrauch 35 l/100 km
Durchschnittsgeschwindigkeit 74,7 km/h
Wetter: windig, teilweise Regen und nasse Fahrbahn; +11 bis +15° C